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9 (1898) Französische Zustände : 1
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126 Französische Zustande. I.

über ihn befragen kann, lag der Zauber seiner Rede mehr in seinerpersönlichen Erscheinung als in seinen Worten. Besonders wenn erleise sprach, ward man durchschauert von dem wunderbaren Lautseiner Stimme; man hörte die Schlangen zischen, die heimlich unterden oratvrischen Blumen krochen. Kam er in Leidenschaft, war erunwiderstehlich. Von Frau von Stasl erzählt man, daß sie auf derGalerie der Nationalversammlung saß, als Mirabcan die Tribünebestieg, um gegen Necker zu sprechen. Es versteht sich, daß eineTochter wie sie, die ihren Vater anbetete, mit Wut und Grimm gegenMirabeau erfüllt war; aber diese feindlichen Gefühle schwanden, jelänger sie ihn anhörte, und endlich, als das Gewitter seiner Redemit schrecklichster Herrlichkeit aufstieg, als die vergifteten Blitze ausseinen Augen schössen, als die weltzerschmetternden Donner aus seinerSeele hcrvorgrollten da lag Frau von Staöl Weit hinausgelehntüber die Balustrade der Galerie und applaudierte wie toll.

Aber bedeutsamer noch als das Rcdnertalent des Mannes wardaS, was er sagte. Dieses können wir jetzt am unparteiischsten be-urteilen, und da sehen wir, daß Mirabeau seine Zeit am tiefstenbegriffen hat, daß er nicht sowohl niederzureißen als auch aufzu-bauen wußte, und daß er letzteres besser verstand als die großenMeister, die sich bis ans heutigen Tag an dem großen Werke ab-mühen. In den Schriften Mirabeaus finden wir die Hauptidecneiner konstitutionellen Monarchie, wie sie Frankreich bedurfte; wirentdecken den Grundriß, obgleich nur flüchtig und mit blassen Linienentworfen; und wahrlich, allen weisen und bangen Regenten Europasempfehle ich das Studium dieser Linien, dieser Staatshilfslinien, diedas größte politische Genie unserer Zeit mit prophetischer Einsichtund mathematischer Sicherheit vorgezeichnet hat. Es wäre wichtiggenug, wenn man Mirabeaus Schriften in dieser Hinsicht auch fürDeutschland ganz besonders zu exploitieren suchte. Seine revolutio-nären, negierenden Gedanken haben leichtes Verständnis und schnelleWirkung gefunden. Seine ebenso gewaltigen, positiven, konstituieren-den Gedanken sind weniger verstanden und wirksam geworden.

Am wenigsten verstand man Mirabeaus Vorliebe für das König-tum. Was er diesem an absoluter Gewalt abgewinnen wollte, dasgedachte er ihm durch konstitutionelle Sicherung zu vergüten; ja, ergedachte die königliche Macht noch zu vermehren und zu verstärken,indem er den König ans den Händen der hohen Stände, die ihndurch Hofintriguen und Beichtstuhl faktisch beherrschten, gewaltsamriß, und vielmehr in die Arme des dritten Standes hinein drängte.Mirabeau eben war der Verkünder jenes konstitutionellen Königtums,das nach meinem Bedünken der Wunsch jener Zeit tvar, und das,mehr oder minder demokratisch formuliert, auch von der Gegenwart,von uns in Deutschland, verlangt wird.