Druckschrift 
19 (1863) Briefe : Th. 1
Entstehung
Seite
15
Einzelbild herunterladen
 

— 15 —

poetische Bilder und Gedanken, so dass das Ganzegleichsam in einem zauberhaften Diamantschleierblitzt und leuchtet. So spricht der eitle Autor, derEnthusiast für Poesie. Aber der strenge Kritiker,der unerbittliche Dramaturg trägt eine ganz andersgeschliffene Brille, schüttelt den Kopf, und erklärtdas Ganze für — eine schöne Drahtfignr. „EineTragödie muss drastisch sein" — murmelter, und Das ist das Todesurtheil der meinigen.— Hab' ich kein dramatisches Talent? Leicht mög-lich. Oder haben die französischen Tragödien, dieich sonst sehr bewundert habe, unbewnsst ihren altenEinfluss ausgeübt? DieS Letztere ist etwas wahr-scheinlicher. Denke dir, in meiner Tragödie sindalle drei Einheiten höchst gewissenhaft beachtet, fastnur vier Personen hört man immer sprechen, undder Dialog ist fast so preciös, geglättet und ge-ründet wie in der „Phsdre" oder in der „Zaire". Duwunderst dich? Das Räthsel ist leicht gelöst: ichhabe versucht, auch im Drama romantischen Geistmit streng plastischer Form zu verbinden. Desshalbwird meine Tragödie ein gleiches Schicksal habenmit Schlegel's „Jon." Nämlich weil Letzterer eben-falls in polemischer Absicht geschrieben ist.

Nach deinen Probescenen zu urtheilen, glaubeich nicht, dass deine Dramen diesen Fehler haben