Druckschrift 
Die Wunder des Himmels oder gemeinfaßliche Darstellung des Weltsystems
Entstehung
Seite
773
Einzelbild herunterladen
 

§. 228. Beschreibung und Gebrauch der asironom. Instrumente. 75z

gründ und freie Wahl immer voraus, sondern meistens nur ein gewisses,zwar dunkles., aber mächtig bestimmendes Gefühl, das Menschen vonglücklicher Organftativn nur selten trügt, und das uns sicherer leitet,als alles schulgeiechte Raisvnnement. Auch ist es jenes dunkle Gefühl,was uns zum Handeln jährt, da das, was wir Vernunftschlüsse nennen»meistens später, erst hinter jenem Gefühle, nachkömmt, und mehr dazudient, jene erste Sensation zu kontrolliren, als uns den eigentlichen Im-puls zu geben. Die gütige Natur ließ es bei dem Menschen, wie esscheint, nicht gern auf die Vernunft allein ankommen, und sie schicktoft schon den Trieb über uns, wenn wir mit dem Beweise noch langenicht fertig sind. Auf diese Weise greift der Jnstinct beinahe immerdem geschlossenen Urtheile vor. Das Brauchbarste im Leben hat ge-wöhnlich Jeder unter uns nicht von Andern gelernt: es wohnt bei undin uns, und wir kommen dazu, ohne selbst recht zu wissen, auf welcheArt. Am deutlichsten sehen wir dieß in jenen Dingen, in welchen wireigentlich nichts, als eben auf diese Weise sehen; ich meine, in unserensogenannten hyperphysischen Wissenschaften. Denn besteht nicht z. B.unsere Metaphysik, und unsere ganze Philosophie dazu, eigentlich dochnur darin, uns dessen etwas deutlicher, oder soll ich sagen etwasgelehrter bewußt zu machen, was wir auch ohne diese Wissenschaft, eigent-lich schon längst gewußt haben?

Die stärkste Leidenschaft unter allen, die des Menschen Herz bewegt,diejenige, die keinen Widerstand kennt und kein Opfer scheut, ist dieLiebe der Mutter zu ihrem Säuglinge. Jede andere Liebe, so große An-sprüche sie auch auf ihre Uneigennützigkeit machen mag, liebt doch, inletzter Instanz, nur sich selbst. Bei weitem die meisten Menschen thunalles, was sie thun, nur ihres Vortheils wegen, und die wir die Edlerennennen, sind von den andern nur dadurch verschieden, daß sie sich edlereVortheile zu den Beweggründen ihrer Handlungen wählten. Wenn esdie Natur so wollte, was können wir dagegen thun? Diese Einrich-tung ist vielleicht sehr weise und zur Erhaltung des ganzen Geschlechtsanz eben so nöthig, als die Empfindlichkeit zur Erhaltung des Körpers.Lenn wir uns aber dadurch gedemüthigt fühlen, so wollen wir unsdafür mit der Bemerkung zufrieden stellen, daß es unserem Scharfsinnekeine Schande bringt, den Betrug ausfindig gemacht zu haben, den unsdie Natur, ohne Zweifel zu unserem eigenen Besten, damit spielen wollte. Also nur in der mütterlichen Liebe zu ihrem neugebornen Kinde äußertsich, bei Menschen, wie bei Thieren, eine unwiderstehliche, von allemEigennutz, auch der edelsten Art, ganz reine Anhänglichkeit an ein äuße-res Wesen. Und worauf hat die Natur diese mächtigste der Leiden-schaften gebaut ? Auf Vernunftgründe? Dann wehe der Erhaltungdes Geschlechts! Hat sie doch nicht einmal jene andere Liebe, die wirvorzugsweise mit diesem Namen zn bezeichnen pflegen, auf einer so ge-brechlichen Basis errichten wollen, wie schon die große Macht beweist,welche dieselbe, selbst gegen die lauteste Stimme der Vernunft, so oftund auf die meisten von uns auszuüben pflegt.

Es wäre besser, daß wir, statt uns noch ferner mit den vermeintenhöheren Gaben zu brüsten, mit welchen uns die Natur zum Nachtheilealler anderen Geschöpfe so reichlich beschenkt haben soll, diejenigen Ga-ben, die wir in der That erhalten haben, ganz unparteiisch etwas näherkennen zu lernen suchten, als wir bisher gethan haben. Unsere Philo-sophen sollten, statt der unfruchtbaren Spekulationen, mit welchen sieihre Zeit vergeuden, vielmehr diese innere Organisation des Menschen

U