5'
>
« »
'772
Beschreibung und Gebrauch der aftronom. Instrumente.
§. 228.
stärker und geläufiger. Diese Wiederholungen, wir mögen fie nun selbstvornehmen oder bloß an Andern häufig genug bemerken, bilden als-dann unsere Gewohnheiten, und auf diesen endlich beruht ein großerTheil unserer Gebräuche und selbst unserer (mitten. Nur aus dieser Ge-wohnheit läßt es sich erklären, warum so oft, was bei dem einen Volkefür gut und schicklich gehalten wird, bei dem anderen schlecht und selbstabscheulich erscheint. Die Gladiatorenspiele der alten Römer und dieMenschenopfer der Wilden erregen Entsetzen auch bei Jenen, die dochohne Austand Tausende von ihren Brüdern, bloßer Meinungen wegen,dem Scheiterhaufen übergeben oder ihre Blicke, an den Leiden eines Ver-urteilten laben, oder ein mit Leichen besäetes Schlachtfeld mit Ver-gnügen sehen und sich dieses Vergnügens noch als einer Tugend rüh-men können.
Die Gewohnheit scheint überhaupt einer der mächtigsten Hebel dermenschlichen Gesellschaft zu seyn. Es würde gewiß sehr schlecht um unsstehen, wenn wir alles nur aus Ueberzeugung thun sollten, und wennwir zu nichts frühe schon gewöhnt worden wären. Gar Vieles und viel-leicht das Beste in jedem Menschen ist nur durch Gewohnheit, von Ju-gend auf, in ihm entstanden. Wenn unsere Erzieher, die der jungensowohl, als die der alten Kinder, diese Wahrheit ganz einsehen und siein das praktische Leben einführen wollten, so würde unsere moralischeWelt eine ganz andere Gestalt annehmen. Aber sie vergessen Beide, xsooft sie auch das Gegentheil davon im Munde führen, daß ihre Zöglingeebensowohl Geist als Körper sind, und daß man diese beiden Dinge nichtso leicht trennen kann, als sie meinen. Das, was in unserem Geistedie sogenannte Ueberzeugung hervorbringt, ist nicht immer der eigent-liche Beweis. Wie wenig Sachen gibt es, die wir wirklich als bewie-sen annehmen können? Die meisten Menschen sehen, was sie auch ambesten zu sehen glauben, gleichsam nur wie durch einen Nebel. Beweisewirken nur auf den Geist, aber Gewohnheit reißt Geist und Körpermit sich fort, und zu ihr muß man im praktischen Leben, wo uns dieBeweise so oft verlassen, wieder zurückkehren. Wer diese Beweise immergegenwärtig haben will, wird sich viele unnütze Geschäfte machen undnur selten gut zu Ende kommen. Gewohnheit geht sicherer und schnellerzugleich. Die beste Erziehung und die beste Regierung ist die, welcheKinder und Leute gewöhnt hat, gut zu seyn. Grundsätze verlassen unsin der Stunde der Gefahr, aber Gewohnheit ist eine zweite Natur, dieuns nie verlassen kann. Rechtthun aus Grundsatz mag verdienstlicherseyn, aber Rechtthun aus Gewohnheit ist sicherer, wenigstens für soschwache Geschöpfe, wie wir sind, die wir uns selbst die Engel nicht an-ders denken können, als Wesen, die bloß aus der Ursache gut sind,weil sie, etwa wieder aus Gewohnheit, gut seyn müssen.
H. 223. (Instinkt der Menschen.) Wir pfiegen in der uns, wie esscheint, angebornen Bescheidenheit unsern eigenen Werth so hoch anzu-schlagen, daß wir mit den anderen lebenden Wesen aus dieser Erdedurchaus nichts gemein haben wollen. Wir sprechen ihnen erstens denVerstand ab und wollen zweitens nichts von ihrem Instinkt an uns ha-ben, und — wir irren uns wahrscheinlich in beiden Fällen. Die meistender vorhergehenden Bemerkungen zeigen uns, daß in unserm innern, so-genannten geistigen Organismus ein sehr großer Theil demjenigen an-gehört, was wir bei den übrigen Geschöpfen Instinkt zu nennen pfiegen.Bei einer unparteiischen Betrachtung unserer Handlungen und beinahealler unserer geistigen Funktionen geht keineswegs, wie wir uns wohlzuweilen selbstgefällig zu schmeicheln pflegen, Ueberlegung, Vernunft-
fttl
5'' , ^ '
«k !-A-l
W
N> ^
Mi"
M