658 Beschreibung und Gebrauch der astrouom. Znstrumeute. 5. ißz.
ders die Italiener bemüht, Gnvmone von bedeutender Große zu errichten.Sie bedienten sich dazu ihrer hohen Kirchen, deren Wände sie an ihrenhöchsten Theilen durchbohrten, wo sie dann, durch diese Oeffnung, dasBild der Sonne auf den gegenüberliegenden Fußboden der Kirche fallenließen. Einen solchen Gnomon errichtete Paul Toscanelli im Jahre 1467in der berühmten Kuppel der Kathedrale zu Florenz. Die erwähnte Oeff-nung war in der Höhe von 277 Fuß über dem Fußboden der Kirche an-gebracht. Dieß ist der größte aller bisher bekannten Gnomone. Einenanderen von 51 Fuß errichtete Gassendi i. I. 1636 in der Kirche desOratoriums zu Marseille; Jgnatio Danti einen andern von 67 Fuß inder Kirche des h. Petronius zu Bologna, der später von Cassini wieder-hergestellt wurde; Bianchini erbaute in der Karthäuserkirche zu Rom(den ehemaligen Bädern des Diocletians) zwei sehr schone Gnomone von62 und 75 Fuß; Sully und le Monnier errichteten einen Gnomon von80 Fuß in der Kirche des h. Sulpitius zu Paris, an welchem der letzteviele Jahre durch, die Solftitialhöhe der Sonne beobachtete und auf einergegenüberstehenden Marmorplatte eingrub. Einer der Letzten endlich wurdevon den Astronomen Cesaris und Reggio in der Kathedrale zu Mailandi. I. 1786 errichtet. Auf den ältern Sternwarten findet man sie nochoft genug, aber in den neueren Zeiten hat man sie grvßtentheils ver-lassen und mit Recht, da sie lange nicht die Genauigkeit gewähren, welcheman mit unsern andern Instrumenten erreichen kann. Die Ursache davonliegt grvßtentheils in der Unsicherheit der Messung der wahren Schatten-länge und in der Veränderlichkeit der Lage hoher Gebäude. Wir habenschon, in der vorhergehenden Note, Gelegenheit gehabt, von der Leichtig-keit zu sprechen, mit welcher auch die stärksten Mauern jedem Druckenachgeben. Aber die Wirkung der Sonne, wenn sie diese Mauern be-scheint, und die Folgen des Frostes und des Wiederaufthauens dieserMauern sowohl, als auch des Bodens, auf dem sie stehen, ist noch vielbedeutender. Schon Bouguer hat darüber eigene Beobachtungen ange-stellt. Er hatte in der durchbrochenen Wand des Doms der Invalidenzu Paris ein Fernrohr eingemauert, um demselben zu besonderen Unter-suchungen eine, wie er glaubte, fixe und unveränderliche Stellung zugeben. Allein er bemerkte bald, daß die Lage dieses Fernrohrs sich än-derte, wenn das Gebäude von der einen oder der andern Seite von derSonne beschienen war. Durch eingemauerte Libelleu, die nie von demSonnenlicht unmittelbar getroffen werden konnten, beobachteten die Mai-länder Astronomen an dem sehr soliden Gebäude ihrer Sternwarte regel-mäßige, tägliche Schwankungen, die sich nach dem Stande der Sonnegegen das Gebäude richteten. Die Sternwarte Piazzi's in Palermo, einThurm eines ehemaligen arabischen Emirs, ist äußerst solid, und die Dickeder Wände derselben beträgt gegen sechs Fuß. Auf dieser Sternwartebeobachtete Piazzi durch mehrere Jahre den Polarstern, in der Hoffnung,in der Bewegung desselben eine jährliche Parallaxe (I. H. 68) dieses Sternszu entdecken. Er fand auch in der That solche Veränderungen der Lagederselben, die mit den Jahreszeiten periodisch wiederkehrten, und sich miteiner parallactischen Bewegung des Sterns nahe genug in Uebereinstim-mung bringen ließen. Allein da alle andern. Beobachter nichts Aehnlichesan dem Polarstern finden konnten, so konnte man nicht umhin, an derRichtigkeit der Voraussetzung Piazzi's zu zweifeln, bis endlich er selbstauf die Erklärung verfiel, daß nicht der Stern, sondern seine Sternwarte,ihrer Solidität ungeachtet, solchen periodischen, von der Jahreszeit ab-hängigen Schwankungen unterworfen sey, eine Idee, die sich bald daraufvollkommen bestätiget fand, und die wahrscheinlich auch andere Astronomen,