§. 22. Tägliche Bewegung der Erde. 4.'!
abgeplatteten Körpers annimmt, den man ein Sphäroid oder ein Ellip-
svid zu nennen pflegt.
Ganz dayelbe wird nun auch unserer Erde widerfahren, wenn siesich in der That um ihre Axe dreht und wenn dabei vorausgesetzt'wird,dasi die Masse, aus der sie besteht, wenigstens anfangs flüssig, oder dochweich genug war, um einem größeren auf sie geäußerten Drucke nachzu-geben. Diese Voraussetzung ist aber längst schon außer Zweifel gesetzt,und die Menge versteinerter Seethiere auf unseren höchsten Gebirgen, sowie die Nrge und Form der verschiedenen Schichten, aus welchen dieOberfläche der Erde besteht, sind eben so viele Urkunden, auf welchendie Natur mit unvergänglichen Charakteren jenen ursprünglich flüssigenZustand unserer Erde bezeichnet hat.
H. 22. (VII. Aus der Abplattung der Erde.) Wenn aber alles die-ses so ist, wo sind denn jene Spuren, welche die Rotation der Erde aufihrer Oberfläche zurückgelaßen haben soll? — Es ist wahr, wir habenbisher die Gestalt unserer Erde kugelförmig gefunden, denn so stellensie in der That die Beobachtungen vor, deren wir oben umständlich er-wähnt haben. Allein jene Beobachtungen sind, wenn wir sie genau be-trachten, alle der Art, daß sie keiner hohen Schärfe fähig sind, und da-her die Gestalt der Erde nur im Allgemeinen zeigen, so daß wir unsgleichsam schon begnügen mußten, zu sehen, daß diese Gestalt jener einervollkommenen Kugel wenigstens sehr nahe komme, ungeachtet der klei-nen, und jetzt vielleicht noch ganz unmerklichen Abweichungen, welchewir später, wenn wir den Gegenstand genauer untersuchen werden, etwanoch daran finden könnten. Es ist dieß einer der Fälle, die so oft inder Astronomie und in allen denjenigen Wissenschaften vorkommen, dienicht, wie die Geometrie oder die Metaphysik, aus selbstgeschaffenen,oder aus uns angeborenen Ideen entstehen, sondern die auf Gegenstän-den außer uns und auf Experimenten beruhen, die wir mit ihnen an-stellen müssen, um sie in allen ihren Verhältnissen unter einander zuerkennen. Diese Verhältniße sind meistens zu verwickelt, um sie sogleichnach allen ihren Beziehungen zu übersehen, und es ist daher nicht nurnothwendig, zuerst bloß das Allgemeine der Erscheinung aufzufassen undsie gleichsam nur im Rohen darzustellen, und die weitere, feinere Aus-bildung derselben eigenen, späteren Untersuchungen vorzubehalten, In-dern es ist zugleich eines der sichersten Kennzeichen des höheren Talen-tes, gleich Anfangs die entscheidenden Merkmale, die Hauptmomenteseines Gegenstandes, zu ergreifen, und sogleich auf sein Ziel loszugehen,ohne sich von den ihn gewöhnlich begleitenden Nebenumständen lrre
machen zu lassen. ^ ^
Eben so wurde auch hier verfahren. Es mochte dem ersten, der über
die Gestalt der Erde nachgedacht hat, vielleicht schwer genug gefallenseyn, sich von dem bisher von Niemand bezweifelten Vvrurtheile einerdurchaus ebenen Erde zu befreien, und sie wenigstens im Allgemeinenals eine große Kugel zu erkennen; aber es würde ihm ohne Zweifel nochviel schwerer, wo nicht ganz unmöglich gewesen st'yn, die wahre Gestaltdieser Erde mit allen ihren kleinen Abweichungen von der Kugelfvrm zuerkennen. Man begnügte sich Jahrhunderte durch mit der Voraussetzung,daß sie eine Kugel sey, und sie genügte auch vollkommen für den ge-summten Zustand der astronomischen Kenntnisse jener Zeiten. Als aberspäter die Theorie sowohl, als auch die eigentliche beobachtende Astronommie und die Verfertigung der neuen Instrumente so große Fortschrittegemacht hatte, wurde das Bedürfniß, die genaue Kenntniß unseresWohnortes zu erlangen, immer dringender, bis man endlich seit dem