§. ?-s. Gestalt der Erde. 31
H. 7. (Beweise der Kugelgestalt der Erde: I. Aus der Ansicht fernerGegenstände.) Wenn Reisende in einer Ebene sich fernen Bergen odereinem hoben Thurme allmäblig nähern, so erblicken sie bekanntlich zu-erst die höchsten Spitzen, und erst später die immer tiefer liegendenTheile derselben. Noch deutlicher tritt diese Erscheinung auf der hobenSee hervor, wo die am Ufer stehenden Zuschauer von dem absegelnden,und sich immer mehr von ihnen entfernenden Schiffe zuerst die unterstenTheile desselben ans dem Gesiebte verlieren, und zuletzt, ehe das Ganzeverschwindet, nur noch die höchsten Spitzen der Mäste erblicken. Dadiese Erscheinung auf allen Orten der Erde Statt hat, so muß die Erdeselbst eine runde Gestalt haben, und kann keine Ebene seyn, weil indem letztern Falle jenes Schiff, gleich einem Vogel oder einem Luft-ballone, je weiter er sich von uns entfernt, nicht, wie zuvor, bloß anseiner unteren Seite unsichtbar, sondern in allen seinen Theilen zugleichkleiner werden, und endlich als ein für unser Auge unsichtbarer Punktgänzlich verschwinden müßte.
H. 8. (II. Aus Reisen in der Richtung des Meridians.) Jedermannkennt das schöne Sternbild am nördlichen Himmel, welches man dengroßen Bären oder auch den Wagen nennt. Es besteht vorzüglich aussieben großen Sternen, deren vier wie die Räder eines Wagens sehrnahe ein regelmäßiges Viereck bilden, während die drei anderen die et-was gekrümmte Deichsel vorstellen. Wenn man durch die beiden Hin-terräder desselben eine gerade Linie zieht, und die Verlängerung dessel-ben gegen Norden, fünfmal so groß nimmt, als die Distanz dieser zweiRäder, so trifft das Ende dieser Linie einen anderen schönen Stern, denman den Polarstern nennt. Dieser wichtige Stern, von welchem wirspäter noch oft sprechen werden, steht beinahe in völliger Ruhe am Him-mel, während alle anderen in jedem Tage kleinere oder größere Kreiseum ihn zu beschreiben scheinen. Wenn man auf der Erde in der Rich-tung von Süd nach Nord, gleichsam auf den Polarstern zureis't, so er-hebt sich jener Stern immer mehr über unseren Horizont, und zwar indemselben Verhältnisse, in welchem man gegen Norden vorrückt.Eine solche Reise in der Richtung von Süd gegen Nord würde z. B.die von Rom über Venedig, Regensburg und Leipzig nach Rostock seyn.In Rom aber sieht man den Polarstern in der Höhe von 42 Gradenüber dem Horizonte, während er in Rostock 12 Grade höher oder in derHöhe von 54 Graden über dem Horizont dieser letzten Stadt erscheint.Allein die Distanz dieser beiden Orte auf der Erde beträgt 180 d. Mei-len. Da aber, nach dem Vorhergehenden, 15 d. Meilen auf einen Graddes Umfangs der Erde gehen, so betragen diese 180 Meilen ebenfalls12 Grade auf der Oberstäche der Erde oder genau ebensoviel, als jeneErhöhung des Polarsternes auf der Oberfläche des Himmels, wie diesesseyn muß, wenn die Erde in der That die Gestalt einer Kugel ha-ben soll.
H. 9. (III. Aus den sogenannten Reisen um die Welt.) Wir wissenferner, daß unsere Weltumsegler, wenn sie ihren Lauf immer in deriel-ben Richtung, z. B. von Oft nach West beibehalten, also sich scheinbarimmer weiter von ihrem Abfahrtspunkte entfernen, daß sie doch am Endeihrer Reise wieder an demselben Punkte ankommen, von welchem sie aus-gegangen sind, was unmöglich wäre, wenn die Erde die Gestalt einerEbene hätte. Ebenso entfernen sich zwei solche Schiffe, die aus demsel-ben Hafen, das eine nach West, und das andere nach Ost auslaufen,nicht immer von einander, wie dieses auf einer Ebene der Fall seynmüßte, sondern sie begegnen einander auf halbem Wege, obschon sie in