Druckschrift 
13 (1862) Vermischte Schriften : Th. 1
Entstehung
Seite
238
Einzelbild herunterladen
 

238

und Handlungen auf die Bühne bringen, als Shak-spcarc, und doch geschieht es nie, dnss unser Inneres,unser Gcmüth durch ihn gänzlich empört würde.Wie ganz anders ist Das bei vielen unserer ncncrnTragödien, bei deren Darstellung uns die Brust-gleichsam in spanische Schnürstiefeln eingeklemmtwird, der Athcm uns in der Kehle stocken bleibt,und gleichsam ein unerträglicher Katzenjammer derGefühle unser ganzes Wesen ergreift. Das eigeneGcmüth soll dem Dichter ein sicherer Maßstabsein, wie weit er den Schrecken und das Entsetz-liche ans die Bühne bringen kann. Nicht der kalteVerstand soll emsig alles Grüsslichc crgrübeln,mosaikähnlich zusammenwürfeln und in der Tra-gödie aufstapeln. Zwar wissen wir recht wohl, alleSchrecken Mclpomenens sind erschöpft. Pandora'sBüchse ist leer, und der Boden derselben, wo nochein Übel kleben konnte, von den Poeten kahl ab-geschabt, und der gefallsüchtige Dichter mnss imSchweiße seines Angesichts neue Schrcckensfignrenund neue Übel herausbrütcn. So ist es dahingekommen, dass unser heutiges Thcaterpublikumschon ziemlich vertraut ist mit Brudermord, Vatcr-mord, Jncest u. s. w. Dass am Ende der Heldbei ziemlich gesundem Verstände einen Selbstmord