Die Nordsee. 155
Und weiß es selbst nicht!
Aber im Traume steht er vor ihr,
Sie bittet und weint und küßt seine Hände,
Und ruft seinen Namen,
Und rufend erwacht sie und liegt erschrocken,
Und reibt sich verwundert die schönen Augen —
Sie liebt ihn! sie liebt ihn!"
q- -i-
An den Mnstbaum gelehnt, ans dem hohen Verdeck,
Stand ich und hört' ich des Vogels Gesang.Wie schwarzgrünc Rosse mit silbernen Mähnen,
Sprangen die wcißgekränselten Wellen;
Wie Schwanenzügc schifften vorüberMit schimmernden Segeln die Helgvlnndcr,
Die kecken Nomaden der Nordsee!
Über mir, in dem einigen Blau,
Flatterte weißes GewölkUnd prangte die ewige Sonne,
Die Rose des Himmels, die feuerblühende,
Die freudvoll im Meer sich bespiegelte; —
Und Himmel und Meer und mein eigenes HerzErtönten im Nachhall:
„Sie liebt ihn! sie liebt ihn!"
9.
Sccknnikhrit.
Die grauen NnchmittagswolkcnSenken sich tiefer hinab auf das Meer,Das ihnen dunkel entgegenstehst,
Und zwischen durch jagt das Schiff.
Seckrank sitz' ich noch immer am Mastbanm,Und mache Betrachtungen über mich selber,Uralte, aschgraue Betrachtungen,
Die schon der Vater Lot gemacht,
Als er deS Guten zu viel genossen,
Und sich nachher so übel befand.
Mitunter denk' ich auch alter Geschichten:Wie krcnzbezcichnetc Pilger der VorzeitAuf stürmischer Meerfahrt das trostreiche BildnisDer heiligen Jungfrau gläubig küßten;Wie kranke Ritter, in solcher Seenot,
Den lieben Handschuh ihrer DameAn die Lippen preßten, gleich getröstet —