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1 (1898) Buch der Lieder Biographie
Entstehung
Seite
116
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116 Biographie.

Zu groß und zu tief war damals die Kluft zwischen Deutschlandund Frankreich auch auf geistigem Gebiete, um durch die Vermittlungeines Schriftstellers, und wäre dieser selbst der größte Genius einerder beiden Nationen, überbrückt zu werden. Es ist leicht erklärlich,daß eine solche internationale Vermittlerrolle ebenso schwer als un-dankbar sein mußte, undankbar schon darum, weil man ihr natürlichvorwiegend egoistische Motive unterzuschieben geneigt war. Und dochwar der Egoismus nicht die Triebfeder im Leben Heines! Wäre erin Wahrheit so egoistisch gewesen, wie ihn seine Gegner von damalsund heute zu beurteilen geneigt sind, er hätte bei seiner Klugheitund Klarheit eine andere Stellung im Leben erringen können. Nochnach dein Erscheinen derfranzösischen Zustände", nachdem derdeutsche Bundestag jenen berüchtigten Beschluß gefaßt hatte, daß keinim Ausland in deutscher Sprache erschienenes, weniger als zwanzigBogeil starkes Buch, politischen Inhalts, in einem deutschen Bundes-staate, ohne vorherige Erlaubnis der Regierung gedruckt und ver-kauft werden dürfe, nach all dem hätte Heine noch nach Deutschlandzurückkehren können, wäre es seine Absicht gewesen, sich ans denStürmen der Tagespolitik auf jenes stille, sehnsüchtig erträumte Eilandder Poesie zu retten, das doch seine eigentliche Heimat war.

Er that es nicht. Er blieb vielmehr in Paris und suchte, vonallen Seiten gehemmt, verfolgt und befehdet, seine Aufgabe von einerandern Seite zu fassen: er wollte Frankreich deutschen Geist, deutschePhilosophie und Litterainr erklärlich und verständlich machen! WennKarl Gutzkow behauptet, Heine habe in der That daran gedacht, sichneben Voltaire und Rabelais zu stellen, er habe ans französischeLorbeeren spekuliert, auf einen Rühm, der, wenn man ihn einmalhat, nicht täglich wieder angetastet wird, wie in Deutschland, ja so-gar auf die Akademie und daS Pantheon, so ist dies ebenso unmoti-viert als gehässig. Wenn er nur langsam eine Stellung in Frank-reich gewann und sich schließlich doch ans Deutschland angewiesen sah,so lag dies in der Natur der Verhältnisse und vor allem in seinereigenen Natur. Er fühlte es tief, daß ihm für sein poetischesSchaffen der heimatliche Boden fehlte, lind wenn wir unter denaus seinem Nachlasse herausgegebenenGedanken und Einfällen" denSatz finden:Mein Geist fühlt sich in Frankreich exiliert, in einefremde Sprache verbannt", so werden wir dieses Bekenntnis ans demtiefsten Innern heraus für eine ehrliche litterarische Beichte halten,deren Wahrheit Heines ganzes Leben in Frankreich bestätigt. Eswar kein Glück für den Dichter, daß er nach Paris kam, nochweniger, daß er dort blieb bis an sein Lebensende. Er hatte Frank-reich viel gegeben, dafür aber bei Lebzeiten wenig von Paris empfangen.Der Zauber, den das Seine-Babel auf alle Fremden ausübt, wirkteauch verderblich auf seinen Charakter wie auf sein Schaffen.