88 Biographie.
werden würde. „Aber was soll ich thun?" fügte er hinzu, „ichmußte etwas herausgeben."
Heine hatte sich wiederum einmal geirrt — die Wirkung seinesBuches war eine wahrhaft sensationelle, und eS hätte seiner Bitte andie Freunde nicht bedurft, für das Buch in der Presse zu wirken.Die „Rcisebilder" waren ein litterarisches Ereignis von ungeahnterTragweite und es existieren viele Zeugnisse von Zeitgenossen, die sichnoch des gewaltigen Eindrucks erinnern, den das kleine Buch in jenerZeit hervorbrachte, eines Eindrucks, dessen sich selbst Männerwie Metternich und Gentz nicht erwehren konnten. Natürlichwurde der erste Teil der „Reisebilder" in mehreren deutschenStaaten verboten.
Aber mehr als diese Verbote ärgerten Heine die Kritiken seinerGegner, namentlich diejenigen, die von der Große dieses neu auf-keimenden Talents sich erdrückt fühlten. Sowohl M. G. Saphir, derdas Ende seines Wortwitzes herannahen sah, wie Adolf Müllner, derseinen kritischen Ton wackeln fühlte, ergossen sich in Schmähungengegen den jungen Dichter und suchten seine Manier in seichtenParodien nachzuahmen. Denn die „Reisebilder" waren die eigen-tümlichste Individualität der Zeit. Und das schuf ihnen Freunde,aber auch Feinde ohne Zahl. Das Buch wirkte so außerordentlich,weil jeder daS Unbehagliche, Zerklüftete seiner eigenen Lebensstimmungin poetischer Spiegelung darin vorfand. In diese thatenlvsc, arm-selige Zeit der RestaurationSperiode fiel dieses Buch wie ein Blitz,der jene Tage grell erleuchtete. Die „Reisebilder" waren das erstefreie Aufatmen nach einer schweren und schwülen Atmosphäre unddas war ihr großes unvergängliches Verdienst. Diese unerhörte Sub-jektivität, diese bunte Mischung studentischer Keckheit, blasiertenLebensgenusses und philosophischer Dialektik fesselten jung und altmächtig in seinem Banne.
In dieser Mischung der Kontraste lag auch die Theorie vonHeines Prosastil, der eine gewaltige Revolution in der deutschenLittcratnr hervorgebracht und dieselbe lange ausschließlich beherrschthat. Er ist Meister in der Behandlung musikalischer Perioden undweiß die Gegensätze durch so geschickte Wendungen zu verbinden, daßman ihn auch als Sprachkünstlcr aufrichtig bewundern muß.
Natürlich hatte Heine auch die Fehler seiner Vorzüge, und diesekamen in den „Rcisebildern" mehr noch als im „Buch der Lieder"zur Herrschaft. Diese maßlose Subjektivität, dieses kokette Spiel mitgroßen Empfindungen und heroischen Thaten, endlich diese einermatten Zeit allerdings wie ein süßes Gift mundende Frivolitätmußten ernsten Gegnern als Gesinnungslosigkeit erscheinen.
Mit dem Honorar der Rcisebilder machte Heine wieder einenSvmmcransflug nach Norderney. Mitte Juli reiste er von Hamburg