74 Biographie.
und vor allem die trübsten Erinnerungen in ihm wachrief an seinfrühes Licbesleid, an die unvergessene Geliebte, die nun die Gattineines andern geworden war.
Am 22, Juli verließ Heine Hamburg und trat eine Badereisenach Cuxhafen an, zu welcher ihm der Onkel so großmütig dasGeschenk von zehn Lonisdor gegeben hatte. Dort blieb er sechsWochen, während welcher eine große Anzahl seiner schönsten Liederund der Plan zu einer neuen großen Tragödie entstand, die „tief unddüster" werden, die Naturmystik und Liebeszauber in sich vereinen sollte!
Im Seebade zu Cuxhaven machte Heine auch eine Bekanntschaft,die fortan einen entscheidenden Platz in seinem poetischen Schaffeneinnehmen sollte — er sah zum erstcnmale das Meer!
Nachdem er das Seebad hier sechs Wochen lang gebraucht hatte,kehrte er nach Hamburg zurück, um die noch immer obschwebcndeDifferenz mit dem Onkel auszugleichen. Schon vor seiner ersten Reisedahin hatte er die Absicht, sich mit dem Oheim wegen eineS Projekteszu beraten, das er schon vor längerer Zeit gefaßt hatte: wegen seinerÜbersiedelung nach Paris, Die Aufnahme, die er beim Onkel fand,war keineswegs ermutigend für die Ausführung dieses Plans —eine nene Differenz war dazugekommen — und so war das einzigeResultat, das Heine erreichte, die Erhöhung seines Wechsels von 4lil>auf SSV Thaler und eine bestimmte Zusicherung desselben auf fernerezwei Jahre, bis zur Beendigung seiner Studien,
Mit 4vl) bis SlXZ Thaleru konnte damals in einer kleinendeutsc hen Universitätsstadt fast eine ganze Familie auskommen, Heinekam. nicht damit aus und mußte stets noch von feinen FreundenGeld entleihen. Man wird daher kaum fehlgehen, wenn man, dieseleidigen Geldangelegenheiten objektiv betrachtend, zu der Überzeugungkommt, daß die Unterstützung des reichen Oheims keineswegs einSegen für den Dichter gewesen sei, Heine gewöhnte sich dadurch aneine sorglose, behagliche Existenz, die er aber um den Preis derlebenslänglichen Abhängigkeit von seinen reichen Verwandten erkaufenmußte, während ohne Zweifel iu der Not des Lebens und in demKampf um das Dasein sein Charakter sich gestählt hätte und mancherWiderspruch in demselben niemals entstanden wäre.
Auch in Heine dämmerte diese Überzeugung oft auf. Wiederholthatte er die Absicht, ja den Entschluß gefaßt, dieses unwürdige Jochabzuschütteln und sich „von der Güte des Oheims loszureißen",Aber diese edlen Vorsätze verflogen immer wieder, er hatte nicht mehrdie moralische Kraft, sie auszuführen. Und wiewohl er „die getauftenund ungetansten Quellen" sehr gut kannte, aus denen das Giftgegen ihn herkam, besaß er doch nicht die Macht, diese Quellen znverstopfen, sondern trug sein ganzes Leben lang schwer an dieserKette der Abhängigkeit,