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1 (1898) Buch der Lieder Biographie
Entstehung
Seite
75
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Biographie, 75

Zweierlei wird man in Erwägung ziehen müssen, was zur Er-klärung der Widersprüche und Auswüchse dienen wird, die in demLeben und Schaffen dieses von Natur ans groß und edel angelegtenCharakters jeden unbefangenen Beobachter befremden müssen: Erstensseine Abstammung, die ihm beständig hemmend in den Weg trat,und zweitens seine materielle Abhängigkeit, die ihn sein ganzes Lebenhindurch bedrückte. Ein bitterer, grnndtiefer Ernst lag hinter demscherzhast ausgesprochenen Worte Heines:Die jüdische Religion istgar keine Religion, sondern ein Unglück"; für ihn wenigstens warsie ein Unglück, Man konnte es ihm nicht verzeihen, daß er der Ab-neigung gegen das Christentum poetische Gestalt gegeben hatte, dieWogen des Judenhasses umbrandetcn ihn sein ganzes Leben lang,und die Wirkungen desselben empfand er in tiefster Seele,

Nicht minder tief empfand er sein Leben lang die materielle Ab-hängigkeit von seinem Oheim, Bei jedem neuen Anlasse bäumte sichin ihm das Gefühl des Mannes ans,den keine Geldrücksicht bewegensollte, etwas von seiner inneren Würde zu veräußern", wiederholtfaßte er den Entschluß, aus der Wagschale der Thenns sein Brot zuessen, statt ans der Gnadenschüssel des Oheims, und stets von neuemwarf er sich, trotz inneren Widerstrcbens, auf das Studium derJuristerei, die ihn: in der Folge ein Amt schaffen sollte,

Heine beabsichtigte nun zu Neujahr nach Göttingen zu reisen,um dort seine juristischen Studien zu vollenden,Ich muh meinjus mit mehr Fleiß als andere studieren," schreibt er,da ichwie ich voraussehe nirgends angestellt werde und mich anfsAdvocieren legen muß,"

Die poetischen Arbeiten wurden trotzdem auch damals nicht ver-nachlässigt, In den Gedichten ans jener Zeit finden wir aber auchschon jene wcltverachtende Ironie ausgesprochen, die Heine fortandurchs Leben begleitete. Kein Maler und kein Dichter konnte eincharakteristischeres Bild von Heine entwerfen, als er selbst es in einemseiner damals in Lüneburg entstandenen Gedichte gethan hat, in einerRomanze, die er ernst-wehmütig aufgefaßt haben wollte, über die seinebesten und innigsten Freunde aber lachten!Aber es geht mirÄst so," schreibt er,ich kann meine eigenen Schmerzen nicht erzählen,ohne daß die Sache komisch wird." Das Ganze war eine Sccne ansseinen: eigenen Leben; es war die RomanzeDonna Clara", dasLied von jener Alkaldentochter, die die Juden haßt und dies ihremRitter, während sie ihm ihre Liebe schenkt, immerfort erzählt: amSchluß entpuppt sich dieser als der Sohn des schriftgelehrtcn RabbiIsrael aus Saragossa! Man kann wohl sagen, daß in der tiefenGrundfärbnng dieses Gedichts und in seinen Schicksalen die ganzeTragik von Heines Leben sich spiegele.

In solcher Stimmung trat Heine am IN, Januar 1824 die Reise