Biographie. 25
Wucherers, der in der Schule allgemein „der Heringsphilvsoph" oder„der Atheist" hieß, und mit dem Heine besonders vertrauten Umgangpflegte. Er hatte mit dem Knaben, der im elterlichen Hause nichtgern gesehen wurde, geheime Zusammenkünfte, bei denen sie dieWerke Spinozas lasen und stundenlang die ernstesten philosophischenDiskussionen führten. Harry sprach nie gern über den sungen, gelb-bleichen Menschen, der allen andern so unheimlich war. Wahrscheinlichhatte das Kvrnwuchergcschäft seines Vaters und seines jüngerenBruders so früh schon sein Gemüt verbittert und ihn so menschenscheu gemacht. Dieser Freund, eine „Zusammenmischung von Galle,Zerknirschung, Exaltationen und einigen guten Anlagen zu einemMarquis Posa," war sehr befähigt, sprachgewandt und reich anKenntnissen; er hat ans Heines rationalistische Richtung entschiedenen,vielleicht sogar unheilvollen Einfluß gehabt.
Die Lektüre des Knaben war überhaupt eine merkwürdige. Ob-wohl eigentlich planlos, zeigte sie doch schon bestimmte Neigungenund Richtungen. Die Mutter hatte den Kindern Rcisebeschreibnngcnund illustrierte Werke, die in das Gebiet der Länder- und Völker-kunde einschlugen, besonders warm empfohlen, Harry aber las den— „Don Quixote" in der Übersetzung von Tieck. Es ist ungemeincharakteristisch, welch mächtigen Eindruck dieses Grundbuch des Welt-Humors auf Heine ausübte.
Reben diesem Buche gehörten noch „Gullivers Reisen" von Swiftzur Lieblingslcktürc des Knaben. Der Einwirkungen beider Büchererinnert er sich später noch oft mit wehmütiger Rührung.
Die politische Situation hatte sich inzwischen gewaltig verändert.Der Druck der napoleonischen Zwangsherrschast war unerträglich ge-worden, eine Zeit der Läuterung und der Sammlung war herein-gebrochen und eine Generation erstanden, der Vaterland und Freiheitdie heiligsten Güter waren. Ihr Mut und ihre Begeisterung wuchsen,nachdem Napoleon den Zauber der Uubesiegbarkeit durch den un-glücklichen Feldzug nach Rußland eingebüßt und die große Armee inden Wellen der Beresina ihr eisiges Grab gefunden hatte. Der Sterndes Imperators war im Erbleichen und als am 17. März 1813Friedrich Wilhelm III. den berühmten Aufruf „An mein Volk" undam LS. März die Proklamation von Knlisch erließ, in welcher „dieWiederherstellung deutscher Freiheit und Unabhängigkeit und einesehrwürdigen Reiches aus dem ureigenen Geiste des deutschen Volkes"verheißen wurde, „damit Deutschland verjüngt und lebenskräftig undin Einheit gehalten unter Europas Völkern dastehe," da brauste einSlurm der Begeisterung durch ganz Deutschland und entzündete inlausenden junger Herzen die Begeisterung für den Befreiungskrieggegen Frankreich. Auch alle Schüler der Oberklassc des Düssel-dorfer Lyccnms, unter ihnen Harry Heine, erboten sich im Früh-