Druckschrift 
8 (1798) Vermischte Schriften, Th. 2
Entstehung
Seite
251
Einzelbild herunterladen
 

von den Sitten unsrer Zeit. 251,

mals anders als von der ordentlichen Seite sehen, sindsehr oft lüstern, dieselben zu überfallen. Ein kluger Be-dienter lasset sich in einer angenehmen Unordnung über-raschen; diese Schmeichele» hat mehrmals die glücklich-sten Folgen gehabt.

Die Uncrwartung macht ein Geschenk, einen Ge-burtstag, und alle freudige Nachrichten doppelt ange-nehm , weil dasjenige was man schon lange in Hoffnung ,besessen, die Halfce seines Werthes, nehmlich die Neuig-keit, verliert. Wer eine gure Nachricht unverhofft er-halt, ist doppelt zufrieden, weil die ordentliche Freudedurch eine angenehme Bestürzung vermehrt wird. DerUeberbringer ist gleichfalls doppelt zufrieden; denn diezwiefache Freude seines Freundes machet in ihm einengleich starken Eindruck. Hundert Personen, die uns alledurch einerley gute Nachricht erfreuen wollten, solltenalle in der süßen Einbildung bleiben, daß ein jeder vonihnen der erste sey. Wir würden ihrer Begierde uns zuerfreuen, mit einer angenehmen Bestürzung schmeicheln.

Seinem Freunde durch unterlassene Widerlegungeiner, von ihm aus Unwissenheit vorgebrachten, gleich-gültigen Unwahrheit, eine Erniedrigung ersparen, istetwas; seinen Reden stillschweigend beypflichten, undweder durch Blicke, noch durch Lächeln, sein Besscrwisscneinem Dritten verrathen, ist vieles; allein denselben überunsre Einfalt triumphircu lassen, und zugeben, daß der-selbe, nach erkanntem Irrthume, uns unsre Einfalt scher-zend vorrücke: dieses ist eine Selbstverleugnung, welcheso selten als schmeichelhaft ist.

Wer bey seinem Herrn, oder seiner Geliebten, inUngnade gefallen, thut wohl, daß er ihre Strafen miteinem betrübten und wehmüthigen Gesichte trage, und

unter- h