Ueber Theorie und Praxis. 95
er davon in einem gegebenen Falle die Anwendung machenmüsse, darüber glaubt er von dem T heoretiker, welcher vonreinen Vernunft-Prinzipien ausgehet, nichts lernen zukönnen; weil dieser kein Gott ist, in dessen Verständealle wirkliche Individuen gegenwartig waren, ehe sie ein-mal erschaffen worden; und er folglich seine allgemeineTheorie auf individuelle Falle mit menschlichem Vermö-gen nicht ausdehnen kann.
Herr Kantckhut den Empirikern gewiß zu nahe,wenn er von ihnen glaubt, daß sie den von ihm ange-führten Gemeinspruch in dem Verstände brauchten,welchen er ihnen beylegte. Meines Wissens, wollen siedamit nur so viel sagen, daß die Theorie gegen die Er-fahrung zu arm sey, und ein theoretischer Kopf, indemer sich beym Generalisiren und Idealisircn verweilt, un-geincin Vieles nicht bemerkt, was dem Manne von Er-fahrung in die Augen fallt. Dabey mag freylich derMann, czui mores Iiommrun inultornm vicüt eturbes, vielleicht auch wohl bisweilen mit einiger Ver-achtung auf den Gelehrten hcrabschn, der aus seinemFenster, von wo er kaum das nächste Feld überschauenkamt, eine Wcltcharte entwerfen will. Ein vernünfti-ger Empiriker wird aber schwerlich jemals die Theorieselbst verachtet, oder auch nur einen Augenblick darangezweifelt haben, daß dasjenige was in der Theorie rich-tig ist, in der Anwendung auf die Praxis gewiß auchnicht fehlschlagen könne.
Jeder
*) Herrn Kant's angeführter Aussatz in der Berl. Mo-natsschrift hat die Ueberschrisr: ,. Ueber den Geinein-„spruch: Das mag in der Theorie richtig seyn, taugt„aber nicht für die Praxis." N,