Ueber die allgemeine Toleranz. 28?
Vaterlandes, zu entziehen. Und ich denke: so lange indem einen Lande die größte Schaamlosigkeit für Helden-tugcnd, und die Keuschheit für ein kleinliches Vornr-theil gehalten, in dem andern aber diese als ein Natur-gesetz verehret wird, — thun wir wohl, durch die Mehr-heit zu bestimmen, was bey uns Naturgesetze seyn sollen;besonders da die Schulbegriffe der Europäer von dem wasdie Natur gebietet oder verbietet, den wenigsten in unsrerKolonie bekannt sind, und man hier sich nicht einmal darü-ber einverstchcn konnte daß ein Vater seine Tochter nichthcirathen dürfe, oder daß das Eigenthum eines Jedensicher seyn müsse. Um nun aber auch auf die göttlichenWahrheiten zukommen; so will ich hiemit einen Jedenfragen: woran wir diese erkennen sollen? Christen,welche überzeugt sind eine gottliche Offenbarung zu ha-ben, wird dieses nicht schwer fallen; und so wird esjedem andern in seiner Religion gehen: da sich nichtleicht eine finden wird, und vielleicht auch nicht findenkann, die nicht ihre Offenbarung habe. Wenn es aberdarauf ankommt zu bestimmen: ob alle Offenbarungenzugelassen werden können? und ob die Offenbarungwelche Menschenopfer fordert, mit andern gleiche Rechtehaben solle? so wird man doch untersuchen müssen, obdieselbe mit der Wohlfahrt unsrer Kolonie bestehe; unddieses wird zuletzt ebenfalls durch die Mehrheit entschie-den werden müssen, wenn wir uns nicht auf eine andreArt darüber vereinigen können. Zudem kann der Be-weis für eine unmittelbare gottliche Offenbarung nichtanders als durch Wunder gcführet werden; und wie dieFassungskraft der Menschen in Ansehung der letztern wie-derum unendlich verschieden ist: so wird man es auchhier auf die mchrsten Stimmen, oder auf die Einsichtder Manner worauf die mchrsten ihr Vertrauen setzen,ankommen lassen müssen.