L84 llcbcr die allgemeine Toleranz.
?l. Wäre es indeß nicht besser, wenn jeder bloßdurch Gründe von seinen Pflichten überzeugt werdenkonnte?
D. Da ich, als Sekretär dieser Kolonie, dieGlaubensmeinungen eines Jeden zu Protokoll genommenhabe: so kann ich akrenmäßig versichern, daß fast keinerdes andern Gründe fassen, und mit ihm einerley Schluß-folge daraus ziehen konnte. Ich bin oft so erstaunt überdie vcrschicdne Fassungskraft dieser in so verschleimenSchulen, Sprachen und Lehrarten erzogenen Menschengewesen, daß ich geglaubt habe zu träumen. Sogarkamen einige, die von einem gewissen IndianischenStamme entsprossen sind, und verlangten: man sollealles frische Fleisch verbieten, weil das Aas allein einegottgefällige und heilige Speise wäre. Mich dünkt: sowenig alle Menschen im .Kopfe gleich fertig rechnen kön-nen, so wenig können sie auch gleich fertig in ihren Be-griffen und deren Anwendung seyn; und mancher ver-bindet mit einem Begriffe sofort unzählige Beziehungen,wovon ein Andrer kaum eine empfindet. Was für einUnterschied zwischen dem Virtuosen, der das schwersteKonzert vom Blatte spielt, und dabey auf einmal tau-send Dinge mit beobachtet; und dem Landmanne, derein Kirchenlied dem Vorsänger buchstabirend nachhculet?Jener fühlt und denkt alles mit einer solchen Schnellig-keit, daß seine Seele nicht einmal etwas davon bemerkt;wogegen dieser oft nicht einmal .den Sinn des Gesanges,sondern nur den Werth der Buchstaben fasset. Wie willman aber hier mit Gründen fertig werden, die dem einenwie dem andern einleuchten sollen?
B. Werden nicht auch jedem die Gründe nachseiner Fassungskraft vorgelegt? Und ist die Mehrheitnicht auch ein Grund von ziemlichem Gewichte, indemich dadurch belehrt werde, daß die Fassungskräfte vieler
Tan-