2Lo Ueber die allgemeine Toleranz.
für ein erlaubtes Vcrthcidigungsmittcl halt, und sichdamit einen Feind von der Seite gescbaft hat, sucht viel-leicht wohl gar als Märtyrer seiner Meinung zu sterben;da er doch nicht anders als Lügner sterben kann, wenner sich vorhin zu andern Grundsätzen bekannt hat, unditzt eine andre Meinung bloß zur Entschuldigung einerbösen That gebrauchen will. Nur in diesem Falle kanndie Obrigkeit den Bosewicht mit dem Tode bestrafen;anstatt, daß sie ihn in jenem bloß als ein schädlichesTbier zu behandeln hat, wofern sie ihm die Freyheit ge-lassen sich zu keiner Religion bekennen zu dürfen. Ins-gemein wird auch einer in den Grundsätzen, wozu ersich bekennt, von Jugend auf unkerrichtet und darangewohnt seyn; mithin seine Meinung, wäre sie auch nurLwrurchcil, nickt nach Gefallen verändern können; oder,wo er es thut, solches gern bekennen wollen, um nichtvon den: einen oder andern Theile als Heuchler verachtetzu werden. Und ein öffentlicher Lehrer kann seinem Be-kenntnisse niemals zuw i der lehren, ohne seinen Dienstniederzulegen. Jeder ehrliche Mann kann Gründe ha-ben feine Meinungen zu ändern; aber keine, um solchezu verhehlen, wenn dieses zum Nachtheil des gemeinenWesens gereicht.
A. Herrliche Grundsätze! Die Religion und Tu-gend als Mittel zu gebrauchen!
Die Leidenschaften sind das erste Prinzip, wo-nach das kaum geborne Kind handelt; und seine Erzie-hung bestehet darin, daß wir diesen ihren von ungefähraufgefangenen Saamen nicht wild aufschießen lassen,sondern gehörig kultiviren. Dieses geschieht durchGrundsätze der Religion nnd Tugend; und das heißeich, sie als Mitte! gebrauchen. Die natürliche Begierdezu gefallen und sich Beyfall zu erwerben, welche jedesKind, wie jeder Mensch, wohl nicht so ganz ohne Ur-sache