Ueber die allgemeine Toleranz. 279
find aber noch, zur Zeit solche Ehrenmänner; sie könnendavon laufen, wenn sie sich eines falschen Zeugnisses zuschämen haben: und solche Flüchtlinge haben keine Ehrezu verlieren. Ich lasse mich also auch auf ihr Ehren-wort nicht hangen. Es ist so schon schlimm genug, daßman in neuern Zeiten unter Christen, zur Schande derNation, cbcngtäubige Zeugen statt cbcngenosser zu-gelassen hat.
A. Aber meinen Sie denn, daß ein abzulegendesBekenntniß seiner Meinungen den Menschen um einHaar besser, und sein Zeugniß im geringsten zuverlässi-ger mache?
B. Es ist in der That so leicht nicht, wie Sie zuglauben scheinen, gegen sein eignes feyerlich abgelegtesVekciintniß^u handeln. Der Mensch, wie ich ihn kenne,braucht Religion und Tugend als Mittel zu seinemZwecke; und wer lange bey diesem oder jenem Grund-satze seine gute Rechnung gefunden hat, wird ihn alle-mal ungern verlassen. Jeder Schritt, welchen er gegensein ausgehängtes Bekenntniß oder seine Maske wagt,wird daher mit der größten Sparsamkeit geschehen; undich habe es, als Richter dieser Kolonie, sehr oft zu be-merken Gelegenheit gehabt, daß nicht leicht einer in eineröffentlichen Versammlung seiner Mitbürger, wann ernur einen einzigen darin vermuthete, der von dem Ge-gentheil desjenigen was er feyerlich betheurcn wollte,unterrichtet seyn konnte, ein falsches Zeugniß abgelegthabe. So groß ist die Schaam, für einen Lügner zu be-stehen ; und Lügner ist, wer gegen sein eignes Bekennt-niß handelt. Alle Vortheile welche wir von diesem Um-stände ziehen können, gehen aber verloren, wenn wir Kei-nem sein Bekenntniß abfordern, oder wohl gar einenTürken oder Juden seine Versicherung auf die heiligeDreyfaltigkeit ablegen lassen. Der Mann, der das Gift
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