L74 Ucber drv allgemeine Toleranz.
auch nicht fordern, daß sie anders handeln sollten, alssie wirklich handelten: so groß auch der Greuel war,welchen die übrigen Kolonisten an diesen, ihrer Meinungnach, von Gott verworfeneu Menschen hatten.
Indeß konnte das Ding doch so nicht bestehen:besonders da eine Menge verstoßener Weiber sich aufsBetteln legten; und da viele, welche glaubten, dieFrüchte der Erde gehörten allen Menschen zu, und kei-ner dürfe sich derselben ausschließlich anmaßen, den An-dern in die Krautgarten gingen, und was sie bedurftendaraus nahmen. Die sämmtlichen Christen, und verschie-dene andre Sekten, traten demnach zusammen, und be-schlossen : jene Andersgesinnte ganz aus ihren Gränzenzu verbannen, und allenfalls auch, wcuu es ihre Sicher-heit durchaus erforderte, als Raubthierc vom Erdbodenzu vertilgen. Jedoch wollte man es erst noch versuchen,ob sic nicht in Güte auf andre Gedanken zu bringen seynmochten.
Sechs der weisesten Männer übernahmen diesesGeschäft; und, wie sie das Glück hatten, an den Abge-ordneten der Andern sehr billige und vernünftige Män-ner zu finden, so kamen sie gar bald darin überein: daßdiese sich alles, was zum Besten der Kolonie von derMehrheit gewillt üret werden würde, alsmenschliche Polizei) gesetze gefallen lassen, diesel-ben aber nur nicht als gottliche Befehle vereh-ren wollten. Jedoch auch diesen Unterschied der Mei-nungen, welcher Anfangs Anlaß gab, daß der eine Theilsich Gottesknecht, und der andre Menschenknecht hieß,wußten die Weisen bald zu heben, indem sie sich dahinverglichen: daßGott der einzige Beherrscher der Kolo-nie; das versammelte Volk Gottes Stimme; die Obrig-keit Gottes Diener; und ihre Gesetze Gottes Gesetze seyn
soll-