2O6 Schreiben über die Deutsche Sprache
Geschichte, nach dem Wunsche Millers, höchstens einUrkunoenbuck zur Sittenlchrc, und ihre Sprache natür-licher Weift erbaulicher oder gelehrter Vortrag bleiben,der uns unterrichtet aber nicht umsonst begeistert; in sofern wir nicht auch, nachdem wir wie die Franzosen alleArten von Romanen erschöpfet haben werden, die ernst-hafte Muse der Geschichte zur Dienerinn unsrer Ueppig-keit erniedrigen wollen.
Alle diese glücklichen Veränderungen sind aberwahrend der Regierung des Königs vorgefallen, wie erschon seinen Vorgeschmack nach den bessern Mustern an-drer Nationen gebildet hatte, und in unsrer Sprachevielleicht nur Memorialien und Dekrete zu lesen bekam.Er hatte nachher Voltaire um sich, einen Mann derdurch die Großheit seiner Empfindungen und seiner Ma-nier, alles um sich herum und seine eigenen Fehler ver-dunkelte; er liebte Algarotti, den feinsten und nette-sten Denker seiner Zeit; er zog die wenigen großen Leute,welche Frankreich hatte, an sich; und unter den deut-schen Gelehrten fand sich noch kein Dalbcrg, keinFürstenberg, der auf die Ehre, welche er dem aus-ländischen Verdienste gab, Anspruch machen konnte.Hiczu kommt, daß seine Gedanken über die deutsche Lit-teratur und Sprache wahrscheinlich weit früher nieder-geschrieben als gedruckt sind; und so ist es kein Wunder,wenn sie unsrer neuen Litteratur keine Gerechtigkeit habenwiederfahren lassen.
Und doch glitube ich nicht zu viel zu wagen, wennich behaupte daß der König selbst, da wo er sich alsDeutscher zeigt, wo Kopf und Herz zu großen Zweckenmachtig und dauerhaft arbeiten, größer ist, als wo ermit den Auslandern um den Preis in ihrenKünsten wett-eifert.