>98 Schreiben über die Deutsche Sprache
ger ausdruckt als der rechte Meister empfunden hat; esmacht uns unwahr: und nichts schadet dem Fortgangeder schonen Künste mehr als diese Unwahrheit, welcheQuintilian die Unredlichkeit nennet.
Wie sehr diese Unwahrheit schade, können wirnicht deutlicher als an unsern geistlichen Rednern sehen,die indem sie göttliche Wahrheiten vortragen, dennochnicht den Eindruck machen, welchen man davon erwar-ten konnte. Von diesen fordern wir gleich, so wie sieauftreten, eine heiligere Miene, einen feyerlichern An-stand, einen ernsthaftem Ton, und eine größere Sal-bung als ihnen die Natur in ihren ersten Iahren gebenkann. Nun müssen sie dieser Miene, diesem Anstündeund diesem Tone gemäß reden; sie müssen ihren Aus-druck hoher als ihre Empfindungen spannen, sie müssenihren Werken mehrere Tugend leihen als sie haben, umsie zu ihrem Vortrage zu stimmen — und dieses machtviele unter ihnen ihr ganzes Leben hindurch zu unwahrenRednern, die nie dasjenige würken, was ein Clau-dius, dcr nichts ausdrucket als was er empfindet, undgerade in dieser aufrichtigen Uebereinstimmung sein gan-zes Verdienst setzt, unter uns würfet. Andre unter ihnenhaben sich daher dcr großen Bcredtsamkeit, worin dasHerz des heiligen Paulus entbrannte, ganz enthalten,und dafür Gründlichkeit mit Simplicität verbunden. Ichglaube auch immer, daß wir Deutschen hiebet) wenigerwagen, als wenn wir mit den Flechiers und Mas-sillons die Harfe Davids ergreifen, ohne den Geistzu haben.
Wicland, den Deutschland jetzt als den Meisterin der Kunst, die Schleichwege des menschlichen Herzenszu entblößen, und den wahren Gang unsrer Leidenschaf-ten