-94 Schreiben über die Deutsche Sprache
Man sieht die Verschiedenheit der Wege, woraufdiese Nationen zum Tempel des Geschmacks gegangensind, nicht deutlicher, als wenn man den TodCasars,sowie ihn Shakespeare und Voltaire uns gege-ben haben, nebeneinanderstellet; Voltaire sagt esausdrücklich, und man sieht es auch leicht, daß er ihndurchaus dem Engländer abgcborget, und nur dasjenigeweggelassen habe, was sich mit den Regeln eines gutenTrauerspiels und der franzosischen Bühne nicht vereini-gen ließe. Hier sieht man beym Shakespeare einaufgebrachtes Volk, bey dem alle Muskeln in Bewe-gung sind, dein die Zippen zittern, die Backen schwellen,die Augen funkeln und die Lungen schäumen; ein bitters,böses, wildes und wütendes Volk, und einen hämischenKerl mit unter, welcher dein armen Cinna, der ihm zu-ruft, er sey nicht Cinna der Mörder Cäsars, sondernCinna der Dichter, sei .er elenden Verse halber das Herzaus dem Leibe reisten will— und diese Löwen, Tygerund Affen führt Antonius mit der Macht seiner Bercdt-samkcitgerade gegen die MörderCasars, zu deren Unter-stützung sie sich versammelt hatten. Was thut nunVoltaire? Er wischt alle diese starkenZügc aus, undgiebt uns ein glattes schönes glänzendes Bild, was indieser Kunst nicht seines gleichen hat, aber nun geradevon allem dem nichts ist, was es seyn sollte.
Wollen Sie die Sache noch deutlicher haben: sovergleiche!! Sie, mein Freund! einen Englischen undFranzösischen Garten. In jenem finden sie, eben wiein Shakespeare's Stücken, Tempel, Grotten, Klau-sen, Dickichte, Riesensteine, Grabhügel, Ruinen, Fel-senhöhlen, Wälder, Wiesen, Weiden, Dorfschaftcn,und unendliche Mannichfaltigkeiten, wie in GottesSchöpfung durch einander vermischt, in diesem hingegen
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