186 Schreiben über die Deutsche Sprache
lichingen, so wie es die Zeit dringen wird, zn derihrer Natur eignen Vollkommenheit aufzuziehen, alsganz zu verwerfen, oder sie mit allen Schönheiten einerfremden Nation zu verzieren?
Indeß bleibt es doch noch immer eine wichtigeFrage, ob wir würklich eigne Gewächse haben: die eineKultur verdienen, und ob unsre Art der Kultur derfremden vorzuziehen sei) ? Hieran hat der König natür-licher Weise gezweifelt, weil er sonst ganz gewiß dasEinheimische dem Auswärtigen vorgezogen haben wür-de; und hier bin ich in der That verlegner als Siewohl glauben, ungeachtet ich die veredelten Staudenunsers Bodens, welche Jerusalem *) dem Königevorzählt, mehr als einmal vor mir ausgestellet undbetrachtet habe.
Unsre Empfindungen sind das erste von allem,ihnen haben wir Gedanken und Ausdruck zu danken.Große Empfindungen aber können allein von großen Bege-benheiten entstehen, die Gefahr macht Helden, und derOcean hat tausend Waghälse ehe das feste Land einenhat. Es müssen große Schwierigkeiten zu überwindenseyn, wo große Empfindungen und Unternehmungenaus unserer Seele empor schießen sollen; und dieseUeberwindung muß der Ehre, der Liebe, der Rache undandern großen Leidenschaften durchaus nothwendig seyn,oder der Geist hebt sich nicht aus seinem gewöhnlichenStande, die Seele umfaßt keine große Sphäre, undder Mensch bleibt das ordinäre Geschöpf, was wirtäglich sehen, und nach unsern gemeinen Regeln zu sehenwünschen. Dergleichen große Gelegenheiten, wo Schwie-rigkeiten zu übersteigen sind, finden sich aber bey uns
Deut-
Z" seinem Bericht, über die Deutsche Sprache undLitteratur.