164 Schreiben an einen Oberrabbincr.
richtigen Liebe zur Wahrheit! Das natürlichste war un-streitig, das Gesetz in die Hand zu nehmen und zuversuchen, ob man ihm nicht eine andre Auslegung ge-ben konnte; und dann, wenn keine solche gelingen wollte,bey den Worten:
Des Weibes Saame soll der Schlange den Kopfzertreten,
voller Freuden auszurufen: „Hier haben wir es, der„ Fluch des Gesetzes soll nicht ewig wahren; es soll ein„Retter aus des Weibes Saamen kommen, und uns„die Unsterblichkeit wieder bringen." Wenigstens würdees mir so gegangen seyn, wenn ich des Trostes der Un-sterblichkeit bedurft hatte; und die Auslegung mochtenun an sich wahr oder falsch gewesen seyn: so hatte ichmir doch das Feld damit eröffnet, und den Sadducacrnerst so viel daraus entgegengesetzt, daß sie es nicht sogleich wagen sollen, mich als einen offenbaren Ketzerzu verfolgen.
Dies, dünkt mich, hangt noch ganz gut zusam-men, reicht aber freylich noch lange nicht zu, um ausdem Wcibessaamen alles dasjenige zu machen was wirdaraus gemacht haben. Nein, das thut es nicht; esmuß hier noch ein großer Satz cingeschoben werden,oder ich komme mit Ihnen nicht auf den Weg wohin ichSie zu führen wünsche. Also noch ein Satz; und die-ser soll folgender seyn: daß ein Philosoph unter denJsracliten, ein Pharisäer, dem die Sadducacr dasGesetz zu machtig aufrückten, und der sich auf beidenSeiten decken wollte, den Schluß gemacht habe:
Alle Menschen müssen ewig unter dem Gesetzebleiben, oder ein Ewiger muß das Gesetzerfüllen.
Dieses