Druckschrift 
7 (1797) Vermischte Schriften, Th. 1
Entstehung
Seite
154
Einzelbild herunterladen
 

154 Sendschreiben an Herrn von Voltaire.

Er hatte mitVorurtheilcn zu kämpfen die durch ihrAlter ansehnlich, durch die Papste gcheiliget, von derKirche angenommen waren, und von einem Heere vonMönchen unterstützet wurden, die Gefahr liefen, durcheine Lehre, welche schon bloß ihrer Neuigkeit wegen ver-dachtig war H), gute Bürger zu werden. Der mörde-rische Eifer der Papste, der Arm der Fürsten, der unbicg-same Stolz der Theologen, das Blut derer die eben dieseBahn betreten hatten, und das noch rauchte; alle dieseDinge schienen auch eben so viele unüberstcigliche Wallegegen die Predigt eines armen Augustiners zu seyn. In-zwischen, da er sich einmal entschlossen hatte, die Mis-brauehc, die nach des Papstes eigenem Geständnisse, sichunter diese Schaar, die man sonst die Kirche nennt, ein-geschlichen hatten, abzuschaffen: so hielt er sich mit einersolchen Uuerscbrockenhcit, die ihn fast keinen Augenblick inseinem Leben verlassen hat; indem cr sich die Fehler sei-ner Feinde mit solcher Geschicklichkeit zu Nutze machte,daß man sagen kann, wenn seine Seele den Leib einesGenerals belebt hätte, so würde er der größte Feldherrseiner Zeit gewesen seyn.

Es ist wahr, was Bayle urtheilet, daß Luther dieKrankheit in einer kritischen Zeit angriff, da sie ans das

höchste

H Das Vorurtheil der Neuerung ist noch so stark, daßman die Linherancr beständig fragt, ob ihre Lehre nichtneu sey? Ich frage diese Herren hinwiederum, ob dasKleid des Ritters Martin und Johanns (derHauptpersonen des MährchenS von der Tonne), nach-dem sie die Tressen, die Schultcrbänder, und allerhandunnütze Dinge davon abgenommen, ein neues Kleid,oder ob es noch das alte gewesen? Das alte war esnicht, da die Tressen und die feuerfarbenen Bandernicht mehr darauf blitzten. Es war aber auch keinneues Kleid, weil das Tuch und der Schnitt noch vonihrem Vacer herrührte.