Druckschrift 
7 (1797) Vermischte Schriften, Th. 1
Entstehung
Seite
148
Einzelbild herunterladen
 

14? Sendschreiben an Herrn von Voltaire.

sicher, je mehr sie ihn den leichtfertigen Lasterungen sei-ner Feinde bloß stellte. Man mußte wahrlich ein so guresGewissen wie er haben, um mit so weniger Behutsam-keit den Schein zu vermeiden.

Indeß ist hieraus leicht zu sehen, daß Lutherkein Mann war, der nur mit den Varfüßermouchcuüber die Gestalt ihrer Kutten stritt. Und wenn er jabehaupten mußte, daß die geweihctcn Hühnerzusammen essen müßten, um zu weissa-gen *): so wird doch Niemand sagen, daß die Ge-heimnisse der allcrheiligsten Religion, welche vorzuglichvor einer jeden andern das Beste eines Staats befor-dcrt, zu den Possen der Thomisten, Skotisten, Okka-mistcn und anderer Pedanten in istcn gerechnet werdenmüssen. Luther that sein Bestes, die gesunden undguten Lehren der ersten Kirche wieder herzustellen, dieSittenlehre zu reinigen, und beide zur allgemeinen Glück-seligkeit der Welt anzuwenden. Es war ihm also auchnicht zu verdenken, wenn er die wahre Gestalt eines Ge-heimnisses vertheidigte, welches mit so wichtigen Wahr-heiten in Verbindung stand. Selbst diejenigen die nichteben feine Formeln angenommen haben, erkennen mehrund mehr die Vortrefflichkeit seines Lehrgebäudes. Unddas geistliche Gewebe, welches man die Hierarchienennt, würde noch itzt von den Franzosen und Romischka-thdlischcn nicht so oft solche grimmige Streiche bekommen,

wenn

*) S. den 8ten Br. über die Engelländcr.Mannsund Sylla, Pompejus und Cäsar, Antonius und Au-,, gustuS stritten nicht mit einander, um zu entscheiden, ob die geweiheten Hühner essen und trinken , oder nurallein essen sollten, um das Weissagen anzustellen."Man stehet leicht, daß Hr. von Voltaire hier auf unseregeheiligten Geheimnisse zielt.