Schreiben an den Herrn Vlcar in Savoyen, i z?
ses antworten, daß wir so etwas nicht öffentlichzu einer unumstößlichen Regel machen können, ohnealle Religionen, welche das Beste der Gesellschaft beför-dern, gut zn heißen,- und, daß wir nicht alle gut hei-ßen können, ohne jede in ihrer besondern Kraft, dieGewissen zu binden, zu schwachen. So bald wir aberdas Gewissen schwachen: so heben wir den bürgerlichenNutzen jeder Religion auf. Wir wollen uns also hier-über solchergestalt vergleichen, daß es schädlich sey,durch eine öffentliche Kirchenlehre die Gleichgültigkeitaller zur größten Vollkommenheit der Welt eingerichtetenReligionen zu behaupten; und, daß Ihr Freund keinMeisterstück gemacht, wenn er einen solchen Satz zuröffentlichen Lehre machen wollen. Ich bitte mir aberaus, daß dieser Vergleich bloß unter uns gelte. Denndies was ich hier sage, ist nur gegen Sie gerichtet: ichantworte jetzt lediglich auf Ihre Einwürfe. ErwägenSie indessen doch noch einmal die Gründe, welche großeMänner für die Wahrheit und Wahrscheinlichkeit derchristlichen Religion beygebracht haben. Sie habenseckst die Probe gemacht, wie stark man für sie redenkönne. Und wenn Sie nur das voraussetzen, daß einepositive Religion nothwendig sey: so wird Ihnen dieWahl nicht mehr so schwer fallen, als vorher.
Da ich einen Satz gewagt habe: so will ich auchnoch einen zweyten wagen, und glauben, daß keineReligion auf bloßen Vernunftschlüssen beruhen dürfte.Denn dieses kann nicht geschehen, ohne eines jedenMenschen Vernunft zum Richter zu machen. Der Schü-ler wird sowohl urtheilen dürfen, als der Meister;oder es muß eine Macht kommen, und eine gewisseAuslegung der Natur festsetzen. Und, wem sollte dieAuslegung der Natur anvertrauet werden? Einem Ora-
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