i ?2 Schreiben an den Herrn Vicar in Savoyen.
gemein schwachen würde; ich, als ein fauler Knabe,würde sicher getraumct haben: Laß die Seele gebühren,bringt sie keine Wahrheiten, so bringt sie Phantasiecn;und jede Religion ist Gott angenehm. So hatte ichgewiß geschlossen, oder mein Vater hatte mir die großeLehre von der Gleichgültigkeit aller Religionen eine Zeit-lang verbergen, und mich wider Ihre Meynung erst miteinem Vorurtheil auferzichcn müssen. Als ein Mann,wäre ich vielleicht so billig geworden, mich hierdurchnicht irren zu lassen. Allein der große Haufe der Kin-der, welche niemals zu einem männlichen Verständekommen, würde mich allemal gedauert haben. Einesolche Gleichgültigkeit hatte, meiner Meynung nach^ jedeReligion um ihre Kraft gebracht, die Gewissen zu bin-den; welches doch nothwendig ist, um den bürgerlichenEndzweck des Eides, dieses unentbehrlichen, obgleichtraurigen Mittels, zu erhalten. Und dieses bewegtmich zu glauben, daß jede Religion in ihrer öffentlichenLehre alle andere ausschließen, und den Philosophennichts mehr als die heilsame Ungewißheit zur weitemBetrachtung lassen müsse.
Die Ewigkeit der Hollenstraftli ist seit einiger Zeitbestellten worden. Die Unsicherheit dieses Satzes istertraglich, ja vielleicht mit Fleiß erwählt, damit wirzwischen Furcht, Hoffnung und Verzweiflung bleiben.Aber die öffentliche Gewißheit des Gegentheils, nehm-lich ein göttliches Gesetz über die kurze Dauer der Höl-lenstrafen, ist aus vielen Ursachen bedenklich.
Dies vorausgesetzt, will ich auf Ihre Frage: obnicht solchergestalt, da Keiner alle Religionen verglei-chen, prüfen, und die beste daraus erwählen könne, Je-der wohl thue in seiner Religion zu beharren? nur dic-' ses