54 Der Werth wohlgewrgner Neigungen.
nichts als ein Merkmal seiner Einsicht in die menschlicheNatur, und würde ihn sehr getadelt haben, wenn erbey der lebhaften Ueberzeugung welche er von der Un-sterblichkeit der Seele hatte, auf einmal seine-glücklicheLeidenschaft des Ehrgeizes abgelegt, und den Giftbechermit feigen Thränen vermischt hatte. Und gesetzt, erhatte denselben einsam im Gefängniß, ungetrostet undunbewandert, ausgeleert; wäre sodann nicht die sorg-fältige Vermeidung der Ehre nur eine vollkommncreProbe seiner glücklichen Ruhmbegierde gewesen? DieUnterdrückung des Ehrgeizes ist nur ein größerer Sieg;und die Vermeidung der Wollust, eine höhere Art siehzu vergnügen. Auch Thränen des Schmerzens fließenaus zärtlicherm Kummer, und der Ucberwindcr allerseiner Leidenschaften hat nur eine vollkommncre Großegesucht. Ja, wer den Menschen ganz ausziehen undsteh in lauter Geist verwandeln konnte, der würde be-kennen müssen, daß er sich über den Rang der Men-schen zu erheben, und sein Vergnügen in Gott gesuchthätte.
Es verhält sich freylich ganz anders mit demTode eines wahren Christen. Diesem hat- Gott dieEwigkeit in seinen sterblichen Tagen eröffnet, und ihnvon seiner glücklichen und unglücklichen Erwartung zei-tig benachrichtiget. Er müßte also mit Schrecken andie schwere Rechenschaft denken, welche er von einemjeden unnützen Worte, von einem jeden verschwende-ten Augenblicke ablegen soll; er müßte mit Angst undSchrecken seine letzte Stunde erwarten, und um jedeMinute des Lebens bettelin wenn diese wichtige Offen-barung nicht auch zugleich solche Gnadenmittel enthielte,womit er seine Seele beruhigen, und mit mehr als sokra-tiseher Freudigkeit den Tod als eine Wohlthat anneh-men konnte. Ein reuiges und zerknirschtes Herz, nebst
einem