Druckschrift 
7 (1797) Vermischte Schriften, Th. 1
Entstehung
Seite
46
Einzelbild herunterladen
 

46 Der Werth wohlgewogner Neigungen.

der nur eine gar zu starke Eigenliebe sey, welche sichohne Unterschied in allen ihren eignen Arbeiten spiegelt,und zu ihrer Hütte spricht: Diese ist die Burg, welcheich erbauet habe! Und wenn ich Ihnen dieses einräumte:so würden Sie wohl gar schließen, daß ein Vater amwenigsten Ursache hatte sich mit seinen Kindern zuschmeicheln, weil sie nicht, wie die Minerva vom Ju-piter, aus seinem Gehirn geboren worden.

Allein im Ernst davon zu reden , so traue ich dochder Natur hierin mehr Vorsicht zu; und wenn ich gleichzugeben muß, daß die Selbstliebe den wahren Grundder Liebe eines Varers gegen seine Kinder enthalte, weilsich in diesem Mittelpunkt aller Neigungen alle Strah-len vermischen, so ist doch in der Empfindung einesVaters gegen seine Kinder etwas, welches sich in allenandern Arten von Liebe nicht findet. Die Natur hatnichts Unreifes hervorgebracht, welches sie nicht auchzugleich in den Stand gesetzt, reifer und vollkommnerzu werden. Sie hat Kindern glückliche Mängel, undVätern die sanfte und nächste Verbindlichkeit aufgelegt,solche zu ersetzen; sie hat den Vätern an den Kindernund den Kindern an den Vätern sichre Stützen in denunvermögenden Jahren bereitet, und das Wohlvcrhal-ten der Kinder gegen die Eltern zur strengsten Pflicht ge-macht, und durch alle Arten von Religionen geheiligct,um das Vergnügen einer der schönsten Handlungendurch dieses Mittel zu stärken und zu versichern. Sieläßt ihre zarten Gewächse in dieser ersten und besten Ge-sellschaft zum Nutzen der allgemeinen aufwachsen, undfrühzeitig die Empfindungen der Ordnung und Schön-heit in ihnen keimen, welche diesen großen Theil ihrerOekonomie unter allen Völkern erhalten. Sie entlehnetAehnlichkeiten von den Vätern, und schenket sie den

Kin-