44 Der Werth wchlgewogner Neigungen.
Wenn er voll Zärtlichkeit und schmeichelnder Begier
Die Stunden mir verwies, die ich ihm nahm, und
Dir,
O frommer Gott! mit Dank in stiller Andacht weihte?
Wie oftmals bracht' ich nicht, nach manchem inncrm
Streite,
Mein ausgelostes -herz doch dem zum Opfer dar,
Der, folgt'ich meinem Trieb, mein Gott, mein Alles
war?
Und wenn ich endlich dann aus seinen Armen eilte.
Und unter Dich und ihn nur eine Stunde theilte,
Wars er nicht doch allein, wofür mein Herz Dich
pries?
Dacht' ich wohl an die Huld, die mir dies Glück
erwies?
Hab ichs Dir je verdankt, was Du mir sonst ge-geben ?
Und bat ich was für mich, als nur um ihn zu
leben?
Allein auch in dergleichen Verschwendungen entdeckt sicheine Pracht, welche in dem Gefolge der Tugend ihreHoheit dem Augen der Sterblichen glänzender darstellt.Wenn der Vater aller Menschen bei) dem Anblick seinerschlafenden Geliebte über die Macht uno Güte des Schö-pfers entzückt wurde, der sie so liebenswürdig für ihngebildet hatte; wenn ihm mitten in diesem seinem sanf-ten Erstaunen schauerte, daß ein Tag kommen würde,wo so viele Rcizungcn ein Opfer des verschuldeten Todeswerden müßten: so war seine Leidenschaft vielleicht ja soheftig, obschon sie sich in richtigern Empfindungen zeigte;und die größte Uebcrlcgung eines Philosophen konntevielleicht keinen starkern Gedanken, als hier die fühlendeLiebe, erzeugen.
Ich glaube also nicht zu irren, wenn ich seine Ge-müthsart und die Starke seiner Leidenschaft zur glücklich-sten O.uellc seiner Liebe mache, und bey mir heimlich zweifle,
ob