42 Der Werth wohlgewogner Neigungen.
nigct, oder von dcm Glücke gesegnet, bloß mit begucm-lichen Wohlthaten seines Freundes Busen erhebt. Inlanganhaltcnden schweren Unglücksfällcn, in vcrdrüßli-chen und unauflöslichen Verwickelungen, wo der Au-genblick nichts entscheidet, und eine einzige heroischeWallung des Geblüts die Sache nicht ausmacht: dawird erst zween Freunden die geheime Große ihrer See-len bekannt; da erfahren sie unter der Last ihres Schick-sals die Vollkommenheit ihrer angebornen Tugend, undNeigung und Leidenschaft zeigen in ihrer unüberwindli-chen Dauer, wie sanft die schwerste Auflage sey, welchedie Freundschaft von ihren Kräften fordert. Die ge-meinschaftliche Gefahr vereinigt alle ihre Schwachenzu starkem Banden, und ihre Wünsche zu einer ewigenVerbindung.
Ich brauche die Empfindungen der Freundschaftnur auf gewisse Gegenstände allein zu lenken, um in ihmden zärtlichsten Ehemann, den liebreichsten Vater undbesten Verwandten zu erblicken. Die Liebe ist Freund-schaft; und wenn sich die Rechte der erstem weiter er-strecken sollten, so müßte dieses der Wille eines fremdenGesetzgebers seyn. Die Natur kennt diesen Gesetzgebernicht; und wo die Neigung rechtschaffen ist, da mußdie Freundschaft mit der Liebe gleiche Rechte behalten.Die Liebe ist eben so schonend, eben so gerecht, undeben so aufmerksam auf die Beförderung unsrer Glück-seligkeit, als es die Freundschaft seyn kann; und woerstere mit Recht größere Ansprüche hat, da wird esauch der Freundschaft frey stehen solche auszuüben.
Sie pflegten es zwar vordem, o Philokles! eiiwangenehme Schwärmerei) zu nennen, wenn ich, ausphilosophischer Macht, der Freundschaft alle Empfin-dungen erlaubte, welche sich die Liebe, wenn man solche
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