24 Der Werth wohlgewogner Neigungen.
Der Ehrgeiz, dieser unermüdete Vertheidiger derTugend, war vorzüglich diejenige Leidenschaft, welchehier die wohlgewognen Neigungen wirksam und starkmachte. Dieser allein wurde Ihn angefeuert habenrechtschaffen zu seyn, wenn die Tugend auch nur einleerer Name gewesen wäre, worunter Sterbliche eine un-bekannte Gottheit verehren. Denn das Schone und Re-gelmäßige in einer Handlung behalt immer seine Reizun-gcn; die Uebung der Großmuth wird allemal ein Her;vergnügen, das hierin bloß seinen natürlichen Triebenfolgt.
Ich darf hier nicht befürchten, Philokles, daß Siedie Vostheile der Ruhe und Zufriedenheit, welche sichbey guten Neigungen und schwachen Leidenschaften alleinciuzufindcn scheinen, zu sehr rühmen werden. Ichkonnte Ihnen sonst mit eben dem Enthusiasmus ant-worten, womit Sie einmal das Gegentheil verfochten.Zufriedenheit? sagten Sie: stolzer Verzicht auf mehrereVollkommenheiten? Für endliche Menschen? die für sichund ihre Freunde so gerechte Wünsche zu thun haben?Sollte diese des Wunsches eines Weisen werth seyn?Unvollkommen, und zufrieden seyn! Die prachtigsteAussicht unendlicher Glückseligkeiten vor sieh zu haben,sich dem Himmel nahern zu können ; und doch bey deinZiele der Bequemlichkeit auf der so sehr betretenen Mit-kelstraße unbekümmert zu schlafen? welche gefährliche,welche unanständige Ruhe! Auch keinen Wunsch füreinen Unglückseligen übrig zu haben? ruhig bey demSchmerze seiner Freunde? bey dem Uebermuthe kleinerTyrannen zufrieden? gelassen bey dem Wahnwitz königli-cher Thoren? welche abscheuliche Zufriedenheit! Dienatürliche Religion bauet auf der Unendlichkeit unsersVerlangens die 'Unsterblichkeit unsrer Seelen; der Na-turkündiger, wenn er alle bekannte Gegenden erforscht
haft