22 Der Werth wvhlge'.vogner Neigungen.
leicht ist der Grad der Versuchung auszurechnen welcherden Klügsten verführt, wenn die Leidenschaften sich aufdie Seite der Versuchung lenken! Ich zittre, und schwei-fe bey einer so entsetzlichen Betrachtung.
Ein gutcsHerz ist unstreitig ein Meisterstück, worindie Allmacht ihr segnendes Antlitz abgedruckt. Dieses,v Philokles! hatte Ihm die ersigeborne Tochter der All-macht, die Natur, aus ihrem eignen Busen gegeben,und die ersten Eindrücke der freudigen Erkenntlichkeitdarin gelassen, womit die ganze Schöpfung ihren Urhe-ber gleichsam bewillkomme harte, als sie ihr Daseyn vonseiner Liebe empfangen. Dieses Herz empfand seinenWerth mit einer angenehmen Ueberzeugung, und bebtevon Empfindungen der Dankbarkeit, ehe der Verstandden Gedanken zeugte, daß die Erkenntlichkeit gegen Andreals sich selbst durch ihre Größe beschwerlich werdenkönnte. Eine tiefe Mischung von allgemeiner Wohlge-wogcnheit, von Zärtlichkeit und Mitleid schwächten eszu allen sanften Empfindungen, welche aber durch starkeund dauerhafte Leidenschaften wiederum gestärkt und ein-geschränkt wurden. Eine natürliche Großmuth floß mitdem Geblüt durch hie weiten Adern, und Standhastig-keit und Muth erhoben sich in den starken und reizbarenNerven. Dieses war die erste vortreffliche Anlage derNatur. Eine lange gute Gewohnheit, die zufälligeFrucht der Erziehung, hatte manches hinzugethan oderbefestigt, ohne daß man sich dessen mehr erinnern konnte.Alle Gegenstände gewannen bey einer solchen glücklichenVerfassung, indem sie sich immer nur von ihrer bestenSeite in seinem Herzen abbildeten. Daraus war durchdie Uebung eine Billigkeit der Empfindung entstanden,welche bey der größten Lebhaftigkeit die Eindrücke vonGlück und Unglück gelassener annahm. Und gleichwie
das