Der Werth wohlgewogner Neigungen, l 9
wir unsern guten Neigungen abzwacken? Hat nicht viel-leicht Sokratcs sein eignes Herz um deswillen soböse beschrieben, damit er dessen Besserung zu einemselbsierworbnen Verdienste machen, und seinem Verständemehr als seinem Schöpfer danken mochte? Wie schlechthätte die Religion der Christen für uns gesorgt, da sieunsre Bekehrung einer fremden Gnade zugeschrieben,wenn die Große der Lugend nothwendig ein Werk unsrereignen Vernunft seyn müßte?
Der kühnste Gedanke, welchen jemals ein Sterb-licher denken konnte, war dieser: daß er Gott gefallenwollte. Der große Begriff, welchen wir uns von einerVerehrung gegen ihn machen können, ist dieser: daß wiralle unsre Kräfte verleugnen, und auch diese vollkommrcSelbstverleugnung als eine bloße Wohlthat unserSchöpfers verehren. Sollte es aber seiner allmächtig-Güte unmöglich seyn, das Herz eines Sterblichenfühlbar, so erkenntlich, so vollkommen zu bilden, l -ser seine einzige Wollust in der Vermehrung feiner Dabarkcit setzte, und durch die vollkommenste Selbstver-leugnung seinen wahren Ehrgeiz befriedigte? Sollte einsolcher Auserwählter um deswillen, daß ihm seine Größeweder Ueberwindung noch Mühe kostete, minder tugend-haft seyn als ein Andrer, der durch einen großen Hangzu Lastern in den Stand gesetzct worden ein Märtyrerseiner Leidenschaften zu werden?
Hier, o Philokles! merkte ich aus seinem Lächeln,daß er glaubte ich hätte die Sache zu weit getrieben, undaus meiner Einbildung Menschen erschaffen die wohl nie-mals zum Vorschein kommen würden. Ich ließ ihmauch gern hierin stillschweigend Gerechtigkeit wiedersah.-reu, weil er an seinem eignen Herzen am besten sehenkonnte, wie weit der Schöpfer einen Menschen mit so
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