Druckschrift 
7 (1797) Vermischte Schriften, Th. 1
Entstehung
Seite
13
Einzelbild herunterladen
 

Der Werth wohlgewogner Neigungen, i z

gcnd selbst, wenn wir rechtschaffen handeln können ausEhrgeiz und Vergnügen, wenn wir wohlthun könnenaus Weichlichkeit, wenn wir aus einer natürlichen Nei-gung zur Ruhe die mühsamen Laster fliehen, und ineinem sanften melancholischen Augenblick unsern Pflich-ten getreuer sind, als wenn die Freude unser Geblüt inflüchtige Wallungen setzt; haben wir dann nicht Ursachein unsere Tugenden ein Mißtrauen zu setzen, und dieWollust nicht gar zu groß werden zu lassen, welche ausder Betrachtung unsrer tugendhaften und gutthätigenHandlungen entsieht? Sind nicht also die Quellen unsreredelsten Thaten in ihren ersten Adern verfälscht, undkönnen wir wohl jemals versickert seyn, daß wir hierdas wilde Wasser von der gesunden Quelle geschiedenhaben ?

Hier, o Philokles! hatte ich mir die Deutlichkeitund Starke Ihres Vertrages wünschen mägen, damitich diesen feinen Wölbungen *), diesen unmerklichen Ver-wandtschaften der Thorheit und Weisheit, einen Korper,eine Große, eine Deutlichkeit ertheilen können, worin siesich dem Verstände in einer wohlgeordneten Reihe dar-gestellt hätten. Welch eine unendliche Mannichfaltig-kcit der Schatten fand sich in diesem Gemälde! Aus je-dem Stande ein neuer Gesichtspunkt; so manches Auge,so manche Veränderung; so manches Urtheil, so man-cher Unterschied.

Jedoch, sollten die glücklichen Leidenschaften, die-ses zärtliche Gefühl, diese natürliche Güte des Herzens,diese süße Thräne, welche mir Ihre Freundschaft ab-

lockctz

*) Moser gebraucht auch in andern seiner frühern Schrif-ten dieses Wort statt des Französischen und itzt auchim Deutschen allgemein aufgenommenen WortesNuance n.