12 Der Werth wohlgewsgner Neigungen.
Aber, versetztem, diese mit der Tugend befreun-deten Neigungen; diese glänzenden Korper, welche soleicht die Farbe der Tugend annehmen, und uns durchihren Wiedcrschein verführen; wie oft erschleichen sie sichnicht unsern Beyfall? wie oft bekleidet nicht die natür-liche Güte unsrer Leidenschaften die Stelle der Tugend?Unser Herz hat seine eigne Sittenlehre, und der Ver-stand wird von ihm, als von einem Lieblingssystcm,übereilet; wir erklären Alles daraus, und glauben oftmit dem erhabenen Schwünge der Tugend uns schondem Throne der Gottheit zu nahern , wenn uns etwadie Schnellkraft einer glücklichen Leidenschaft über dieSphäre solcher Menschen erhebt, welche von der Naturminder gütige Neigungen, als wir, empfangen und mitaller Mühe lange nicht die Hohe erstiegen haben, welchewir ohne grosie Kosten erreichen. Wie oft sehen wirdie Wirkungen eines natürlichen Mitlcidens für Hand-lungen der Menschenliebe an? Wie oft borget die Ver-schwendung den Titel der Großmuth, die Beguemlichkcitden Namen der Mäßigung, und der Haß den Scheinder Gerechtigkeit? Wie geneigt sind wir nicht, dem edlenund demüthigen Anstand des schuldigen Unglückseligenseine Schuld zu vergeben ? Wie billig sind wir nicht ge-gen die Ausschweifungen glücklicher Leidenschaften?Wie schwer wird es uns, gegen die rührenden Thräneneiner strafbaren Schone die Scharfe der Gesetze zu ge-brauchen? Und wer kann sagen, daß er allemal der Tu-gend, wenn sie nicht zu ihrem Vortheil gebildet gewe-sen, die schuldige Gerechtigkeit wiederfahren lassen?Wenn aber so mancherley unvermerkte Ursachen sich inunsre schönsten Thaten entflechten, wenn die Güte unsrerTriebe, die Süßigkeit wohlthätiger Empfindungen, dieBegierde zu gefallen, mehrern Eindruck auf wohlgcra-thcnc Seelen haben können, als die Vorstellung der Tu-gend