Der Werth wchlgcwogncr Neigungen. 7
wir werden wirklich einen gefährlichen Handel treffen,und das Sichere weggeben, ohne das Bessere aber Un-sichere dagegen wieder zu erhalten. In Absicht derWirkung thut es zur Sache wenig, ob wir aus freyerWahl oder aus freyer Neigung Mgcndhaft gewesen.Kostet letzteres unserm Verstände nichts: so kann auchdie Seele durch eine beständige gute Wahl zuletzt einesolche Gewohnheit oder eine solche Fertigkeit in der Tu-gend erlangen, daß die Ausübung derselben eben soleicht wird, als wenn sie durch die Neigung gewirkt wor-den. Neigung und Verstand sind beide Gaben einesSchöpfers: sie können beide verderbt, beide aber auchnatürlich richtig und gut seyn; sie können beide durchgute und böse Erziehung gelenkt, und durch zufalligeUmstände verändert seyn. Es ist so schwer, widereine Ueberzeugung, als wider eine herrschende Neigungzu handeln: unsere Ueberzeugung kann aus falsche»Gründen, unsre Neigung ans unrichtigen Empfindun-gen entsprungen seyn. Der Eigennutz des Verstandesist vor dem Eigennutze des Herzens nicht privilegirt, undwo der Verstand seine Wollust aus den erhabensten Be-trachtungen ziehen kann, da hat das Herz ein Recht,seine edlen Empfindungen mit Vergnügen zu fühlen.Kann man dem Verstände die mystische Pflicht auflegen,an Gott ohne den Vortheil eines Vergnügens zu denken:ihn zu lieben, ohne den Gedanken dieser Liebe sanfterals einen andern zu denken: so wird sich auch schon einMetaphysikus finden, welcher das Gefühl des Schöne»von seiner Wirkung abstrahiern kann. Ist aber beidesunmöglich, so muß der systematische Stolz sich unterdie Erfahrung demüthigen, und wenigstens der Nei-gung erlauben, sich mehr an einer freyen Wahl, als aneinem edlen Triebe zu ergötzen.
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