Druckschrift 
4 (1827)
Entstehung
Seite
244
Einzelbild herunterladen
 

244

Der ein und fünfzigste Psalm.

durch welches Gott und der sündliche Mensch versöhnet und ver-einiget werden. Wenn das nicht geschiehst, werden wir nichtallein diesen Psalm nicht recht singen, sondern das Vater Unsernimmermehr recht beten können. Von dieser Lehre weiß undverstehet die Vernunft nichts, welche den Menschen, so in Sündesteckt, mit ihrem Lichte nur zur Verzweiflung zeucht und treibt.David aber fühlet beydes, die Sünde und Gottes Zorn, gleich-wohl spricht er: Gott sey mir gnadig. Das verstehet (wie gesagt)die Vernunft nicht, sondern man muß es studieren und lernenallein aus der heiligen Schrift; wie man in dem ersten Vers die-ses Psalms stehet. Denn alle Worte sind mit sehr reinem, ge-wissem Verstände gesetzt und sind Worte des Heiligen Geistesund des ewigen Lebens, daraus die, so den Geist Gottes haben,lernen, Unterscheid zu machen zwischen Sünder und Sünder,zwischen Gott und Gott, und lernen auch, den zornigen Gott mitdem sündigen Menschen zu versöhnen und vereinigen. Ja, sprichstdu, das geschieht aber nicht balde; wenn ich gleich, wie du michjetzund gelehret hast, diese Sache also bcy mir bedencke, undhalte, daß Gott barmhertzig sey, ja, wenn er auch also barmher-tzig wäre, wie ich ihn mir vorbilde, so wäre es ein grosser Trost;ich besorge aber, wenn ich schon dafür halte, daß er barmhertzigist, bleibe er gleichwohl noch zornig. Antwort: Du sollst darangar nicht zweifeln, daß Gott gnadig und barmhertzig ist, umChristi willen, und sey nur gewiß, daß, wie du gläubest, dirauch geschehe. Wenn du nun das kannst ergreiffen und gläuben,daß Gott der Herr an denen Gefallen hat, die ihn fürchten undauf seine Güte hoffen, so wirst du gewißlich erfahren, daß er andir Gefallen hat. So du es aber nicht ergreissest, noch gläubest,so hat Gott gewißlich keinen Gefallen an dir, sondern bist unobleibest unter dem Zorn Gottes, wie der Herr Christus spricht,Matth. 8, 13: Wie du glaubest, so geschehe dir.

Siehe aber, wie meisterlich David diese zwey zusammenbringet, erstlich, daß Gott gnädig sey, das ist, daß er aus Gna-den, umsonst, uns, die wir es nicht verdienet haben, wohl tbueund Gnade erzeige. Darnach, daß er uns auch die Sünde ver-geben wolle, laut seiner Verheissung, welche wir durch den Glau-ben, so der Heilige Geist durch das Wort in uns wircket, em-pfahen. Denn wenn uns Gott nicht aus lauter Gnaden, umsonst,die Sünde vergibt, so Hilst keine Genugthuung, so ist auch keineHülfe noch Rath; da hilft kein Fasten, kein ander Werck, keinEngel, noch irgend einige Creatur. Das thut es aber allein, daß

j