542 Der ein und fünfzigste Psalm.
Darnach folget auch das, dieweil wir in Sünden geboren sinddaß wir nimmermehr werden ansahen, zu beten, wenn wir nichteher beten wollen, denn wenn wir ohne alle Sünde sind. Dakommt aber zu Hülfe die rechte Theologie und wahrhaftige Lehre,welche uns lehret, wenn das Hertz also zerschlagen ist, da sey als-denn ein Theil des göttlichen Worts, nemlich das Gesetz, erfüllet,welches darum Dräuworte gebrauchet, erschrecket, daß der Sün-der sich selbst lerne erkennen, und die Sicherheit des Lebens ab-lege, in welcher wir alle, ehe wir Gottes Zorn erkennen, vonNatur leben. Doch sollen wir weiter wissen, daß wir nicht alleinim ersten Theil der Schrift, nemlich im Gesetze, welches Erkennt-niß der Sünden wirckt, bleiben und beharren müssen, sondernauch zu dem andern Theile der heiligen Schrift, das ist, zum Er-kenntniß der Gnade und Barmhertzigkeit Gottes, eilen und kom-men müssen. In welchen beyden Stücken denn die gantze hei-lige Schrift also erfüllet wird, welche uns anzeiget, daß Gott denDemüthigen Gnade und Barmhertzigkeit erzeige, und daß dieDräuworte und schrecklichen Exempel denen halsstarrigen und un-bußfertigen Sündern gelten, welchen Gott will ein eifriger Gottund ein verzehrend Feuer seyn. Die andern aber, so einen geana-sten Geist und zerschlagen Hertz haben, die sind die Kinder derGnaden, welcher Wunden verbinden und heilen will der guteHirte, der sein Leben gelassen hat, für seine Schafe. Darumsotten dieselben nicht denen Gedancken ihres Hertzens folgen, welchesagen, daß sie um ihrer Sünde willen nicht sollen beten, nichtGnade hoffen; sondern sie sollen getrost, mit fröhlichem Hertzenund Muth, mit David ruffen und schreycn: Gott sey mir gnadig,darum, daß Gott an ihnen Wohlgefallen hat. Das ist nun das,das die rechte reine Lehre des Evangelii über das Gesetz Gottessetzet, nemlich die Zuversicht auf die Barmhertzigkeit Gottes.Denn das ist nicht schwer, Gott Gott nennen und zu Gott spre-chen: Gott sey mir gnädig; aber da gehöret Kunst zu, daß mandas Wort Mir auch hinzu setze und recht beten könne. Welchesmit allem Fleiß im Evangelio uns wird eingebildet; noch gleich-wohl erfahren wir, wie schwerlich wir solches thun können. Denndas Wort Mir, das verhindert schier alle unser Gebet, so es dochdie einige und grosse Ursache zu beten seyn sollte. Darum sollenwir erstlich aus dem Exempel Davids biß lerri-en, daß wir dasWort Mir recht betrachten und bedencken, daß es von einemrechten grossen Sünder, wie David war, gesagt ist, wie er sichselbst erkläret und auslegt, da er spricht: Siehe ich bin aus sünd-