Druckschrift 
4 (1827)
Entstehung
Seite
235
Einzelbild herunterladen
 

Aus dem neunzehnten Psalm.

l2ZZ

Das zehnte ist, da es heißt: Es bleibet ewiglich. Denn gleichwie das Gesetz, wenn es durch die Liebe erfüllet wird, auf ewigbevestiget wird, also wird auch die Furcht ewig, so aus dem Ge-setze entstanden, indem sie mit der Liebe verbunden wird. Undgleich wie das Gesetz, so lange es nicht geliebet, noch erfüllet wird,zeitlich ist und öfters vergessen wird, also ist auch die Furcht, wennsie nickt mit Liebe verbunden wird, zeitlich: und dauert nur aufeine Stunde, und ist niemals veste und wahrhaftig. Derowegenbleibet bey jenem Heuchler die Furcht nur auf erdichtete Weise;denn sie bleibet nur auf eine Stunde, dem äußerlichen Scheinenach. Bey denen aber, so sie hassen, ist sie niemals, geschweigedenn, daß sie bestandig bleiben sollte, weil sie selbige niemals inibr Hertz hinein lassen und lieben sie auch nicht. Und da sie Gottauf solche Weise fürchten, verachten sie ihn immer je mehr undmehr; daher sind sie auch desto mehr unrein. Denn wer sich mitWissen und Willen vor Gott nicht fürchtet, der verachtet ihnzwiefaltig. Die aber die Furcht Gottes lieben, weil sie sich ausgutem Willen vor dem.fürchten, was das Gesetz gebeut, die fürch-ten sich in Ewigkeit und mit einer Beständigkeit, und stimmenalso mit dem Gesetze in allen Stücken überein.

Zum eilften: Die Gerichte des Herrn sind wahr. Durchdiese Gerichte aber kann, ja, soll verstanden werden, sowol dasGefetz, als auch dasjenige, was es in uns wircket. Denn alsowird das Gefetz des Herrn das Gerichte des Herrn genennet vonseinem Amte, weil es das Fleisch richtet und verdammet, oderein Urtheil fället von dem alten Menschen, und von demjenigen,was zur Tödtung des Fleisches gehöret. Daher werden auch garrecht Gerichte genennet alle Widerwärtigkeiten, die den altenMenschen tödten, damit dem Gesetze eine Gnüge geschehe. Denngleich wie ein Gesetz, wenn es nicht gelehret wird, auch nicht ver-standen, nicht einmal ein Gefetz kann genennet werden; undgleich wie ein Zeugniß, wenn es nicht erkannt und empfundenwird, nicht einmal ein Zeugniß ist, (denn wo das Gemüthe desMenschen nicht beweget wird, so ist es eben, als wenn man ei-nem Tauben ein Mahrlein erzählet; gleich wie sich dieses bey de-nen Heuchlern zutragt, die keine Empfindung haben und dasWort des Gesetzes verachten): also kann auch das Gerichte desHerrn, wenn es nicht empfunden wird in seiner Wirckung, nem-lich in der Tödtung des Fleisches, nicht einmal ein Gerichte ge-nennet werden. Derohalben, gleich wie das Gesetz, indem es er-schreckt, die Furcht Gottes erweckt, also, indem es richtet, tödtet