222 Der vierzehnte Psalm.
sind: also auch mit gleichen Worten deßwegen gestrafet werden;jedoch aus ungleicher Absicht. Denn jene sind durch die Sünd-fluth verderbet worden; diese aber werden hiermit zur Erkennt-niß ihrer Sünden erwecket, damit sie mögen durch eine bessereSündfluth, als jene war, nemlich durch das Wasser der heiligenTaufe, erhalten werden. Denn so verfahret auch Paulus zuden Rom. 1. 2. 3. Cap., da er alle zu Sündern macht, Judenund Griechen, auf daß sich Gott aller erbarme. Daher endigetsich auch dieser Psalm mit einer süssen Verheissung, wenn erspricht: Wer will aus Zion Israel Heil geben? Wenn der Herrdie Gefangenschaft seines Volcks wenden wird, so wird Jacobfröhlich seyn und Israel sich freuen. Wenn es aber heißt, daßder Herr vom Himmel schaue auf der Menschen Kinder, so istdas wider die Narrheit des Thoren geredet, der da spricht: Esist kein Gott.
Er spricht: auf die Menschenkinder, worunter gleichfalls alleMenschen verstanden werden. Und ausserdem liegen in diesenWorten zwey Dinge heimlich verborgen: Das erste ist, daß eineiniger Menfchensohn sey, in welchem allein alle Menschenkindergerecht werden; um dessentwillen auch die Schrift diese Redens-art beybehalt, daß sie öfters: die Menschenkinder, für Menschensetzt, sintemal auch jener (Ehristus) zwar ein Mensch sey, abernicht einer von denen Menschenkindern, und daß die übrigen alleseyn Menschenkinder und zugleich Sünder: Menschenkinder, diein Sünden anderer Menschen empfangen und geboren worden.Denn der Mund des Heiligen Geistes ist schamhaft und redetgelinde; da er sie hatte können die allerschandlichsten Menschennennen, so belegt er sie bey seinem Strafamte mit einem gelin-den Titul, und spricht: daß sie Menschenkinder sind. In welchemgar schlechten Worte gleichwohl das gesammte Elend und Bosheitderer Menschen begriffen ist.
Zum andern liegt dieses hierin verborgen, daß die Menschenanders scheinen in dem Angesichte Gottes, und anders in demAngesichte der Menschen. Vor Gottes Angesicht rühmet sich keinFleisch, 1. Eor. 1, 29. Und zeiget damit gar schön an, daß bey-derley Ansehen, vor Gott und Menschen, in diesem Verse ver-standen werde, wenn es heißt, der Herr vom Himmel, nicht einMensch von der Erde, habe dieses gesehen, und das Urtheil ge-fallet. Denn die Menschen unter einander sehen nicht alleinenicht (zum wenigsten sehen sie dieses nicht in allen Stücken), daßihr Wesen verderbt sey; sondern sie loben es bisweilen noch dazu,