193 Etliche Fabeln Aesopi, von Luthers verdeutscht.
Griß schlägt gern nach Gramen,
Ein Dieb zeugt den andern.
Hilf fromme Leute niedren,
Der Bösen ist sonst zu viel.
Mancher Schalk wird durch fromme Leute gefördert, der dar-nach seines Gleichen an sich zeugt, Landen und Leuten sehr schädlichist, darum siehe dich für, wem du rathen oder helfen sollt; an frem-den Kindern und Hunden (spricht man) ist das Brod verloren.
9. Vom Kranich und Wolfe.
Da der Wolf einsmals ein Schaf geiziglich fraß, blieb ihm einBein im Halse überzwerch stecken, davon er grosse Roth und Angsthatte, und erbot sich groß Lohn und Geschenck zu geben, wer ihmhülfe. Da kam der Kranich, und stieß feinen langen Kragen demWolf in den Rachen, und zog das Bein heraus. Da er aber dasverbeissene Lohn fordert, sprach der Wolf: Willst du noch Lohn ha-hen? Dancke du Gott, daß ich dir den Hals nicht abgebissen habe.Du solltest Mir schencken, daß du lebendig aus meinem Rachen kom-men bist.
Diese Fabel zeigt:
Wer den Leuten in der Welt will wohlthun, der muß sich er-wegen Undanck zu verdienen, die Welt lohnet nicht anders, denn mitUndanck; wie man spricht.- Wer einen vom Galgen erlöset, demHilst derselbige gern dran.
10. Vom Hunde und Hündin.
Eine schwangere Hündin bat mit demüthigen Worten einenHund, daß er ihr wollte sein Häuslein gönnen, bis sie geworfenhatte; das that der Hund gerne. Da nun die jungen Hündlein er-wuchsen, begehrt der Hund sein Haustein wieder, aber die Hündinwollte nicht; zuletzt dräuet ihr der Hund, und hieß sie das Hausleinräumen: Da ward die Hündin zornig, und sprach: Bist du böse, sobeiß uns hinaus.