190 Etliche Fabeln Aesopi, von Luthero verdeutscht.
set sich selbst hoher, denn es keines Meisters Nähme preisen konnte.
Doch mögen die, so den Aesopum zum Meister erdichtet haben,und sein Leben dermassen gestellet, vielleicht Ursach genug gehabt ha-ben, nemlich, daß sie, als die weisen Leute, solch Buch um gemei-nes Nutzens willen gerne hatten jedermann gemein gemacht, (dennwir sehen, daß die jungen Kinder und jungen Leute, mit Fabeln undMahrlein leichtlich bewegt) und also mit Lust und Liebe zur Kunstund Weisheit geführt würden, welche Lust und Liebe desto grosserwird, wenn ein Aesopus, oder dergleichen Larve oder Fastnachtputzvorgestellet wird, der solche Kunst ausrede oder fürbringe, daß sie destomehr drauf merken, und gleich mit Lachen annehmen und be-halten.
Nicht allein aber die Kinder, sondern auch die grossen Fürstenund Herren, kann man nicht baß bekriegen, zur Wahrheit und zuihrem Nutz, denn daß man ihnen lasse die Narren die Wahrheit sa-gen, dieselbigen können sie leiden und hören, sonst wollen oder kön-nen sie von keinem Weisen die Wahrheit leiden; ja alle Welt has-set die Wahrheit, wenn sie einen trifft.
Darum haben solche weise hohe Leute die Fabeln erdichtet, undlassen ein Thier mit dem andern reden; als sollten sie sagen: Wolan,, es will niemand die Wahrheit hören noch leiden, und man kann
doch der Wahrheit nicht entbehren, so wollen wir sie schmücken, undunter einer lustigen Lügenfarbe und lieblichen Fabeln kleiden, undweil man sie nicht will hören durch Menschen Mund, daß man siedoch höre durch Thiere und Bestien Mund. So geschiehts denn,wenn man die Fabeln liefet, daß ein Thier dem andern, ein Wolfdem andern die Wahrheit sagt; ja zuweilen der gemahlete Wolfoder Bar, oder Löwe ein Buch, dem rechten zweyfüßigen Wolf oderLöwen einen guten Text heimlich liefet, den ihn sonst kein Prediger,Freund und Feind, lesen dürfte. Also auch ein gemahlter Fuchs imBuch, so man die Fabel liefet, soll wol einen Fuchs über Tisch an-sprechen, daß ihm der Schweiß möchte ausbrechen, und sollte wol denAesopum gern wollen erstechen oder verbrennen. Wie denn derDichter des Aesopi anzeiget, daß auch Aesopus, um der Wahrheitwillen, ertöttet sey, und ihm nicht geHolsen hat, daß in Fabelnweise,als ein Narr, dazu ein erdichteter Aesopus solche Wahrheit die Thierehat reden lassen, denn die Wahrheit ist das unleidlichste Ding aufErden.
Aus der Ursachen haben wir uns vorgenommen, dies Buch zufegen, und ihm ein wenig bessere Gestalt zu geben, denn es bishergehabt, allermeist um der Jugend willen, daß sie solche feine Lehre