dritter, der bald nachher ein wirklich todcswürdigcs Verbrechen be-gicng, wußte ihn ebenfalls zu bewegen, ihm den Rock zu leihen,und selbst hier bewährte sich die Kraft des Rockes zum drittcnmale.Nun aber war der König selbst erstaunt, daß er gegen seinen Willenkein Todesurthcil mehr zu sprechen vermochte, und drang in denSoldaten, wodurch er solch eine Sache habe bewirken können. Da-durch kam das wunderbare Vermögen des Rockes an das Licht, manerkannte ihn als das ungcnahte Gewand des Heilandes und fortanwurde er zu Trier in höchster Verehrung gehalten.
In Bonn und der Gegend von Aachen hat man eine dritteVersion hören können. Ein Jude besaß den Rock, ohne ihn zukennen. Ein Christenmädchcn, welches im Hause diente, sah demselben, und faßte, ganz wie König Orendel im Gedichte, eine ihrselbst unbegreifliche Sehnsucht, ihn zu besitzen. Sie bot dem Judendafür den Lohn eines ganzen Jahres, worauf dieser ihr gern dieTunica überließ, mit der sie nach Trier gicng. Kaum war sie indas Thor der Stadt getreten, so begannen alle Glocken von selbstzusammenzuschlagen; Niemand begriff die Ursache, der Bischof stelltesogleich eine Untersuchung an, und sand, daß dies der h. ungenähtcNock sei, der seitdem in der Domkirche als der größte Schatz derGläubigen bewahrt worden ist.
Dem Juden, als ersten, und freilich nicht weiter legitimirtenInhaber deö Nockes, werden wir sogleich auch in älteren Schriftenbegegnen. Sonst wüßten wir keine Anlehnung an frühere Sagennachzuweisen, und leicht erkennt man in diesen Legenden den immerzunehmenden Mangel an Productivität und dichterischer Fülle. Esist klar, die natürliche Vorliebe des Volkes hat diese Gebiete längstverlassen; mögen die gelehrten Kämpfer deö Rockes zusehen, was sieBesseres an die Stelle gebracht haben. Für uns steht das Ergebnisfest, daß die Tradition vom Tricrischen Rocke erst nach 1106 snndnicht 467) begonnen, daß er selbst seit 1121 sund nicht 1136) sichnotorisch im Dome befunden, daß an eine besondere Verehrung desselbenvor 1512 niemand gedacht hat. Zu einem Schauspiele, wie cS in denletzten Monaten in unfern Provinzen erschienen ist, hat sich währenddes ganzen Mittelalters in Trier weder Stoff noch Stimmung findenwollen. Sie fand sich zuerst im Jahre 1512, in einer Zeit, wo deralte Glaube im Innersten erschüttert, an allen Enden Deutschlandsdurch Visionen und Mirakel gekräftigt werden sollte. Ziemlich nahe