XI
durchaus ein schlichter, gerader, offener Mann, welcher, was an ihmrühmlich anzuerkennen, schreibt, wie er denkt, der weder Beweiseerschleichen, noch durch Ausmalung absurder Phantasien unkundigeLeser täuschen will, wenn gleich diese Vorzüge allerdings mit geringerschriftstellerischer Gewandtheit und noch geringerer historischer Gelehr-samkeit gepaart sind. Durch diesen Mangel geschichtlicher Kenntnisseerklärt es sich auch, daß er geglaubt hat, zu einem so günstigen Re-sultate gelangen zu können. Er meint S. 2: ,,Wenn Vermuthungen,,,wenn Wahrscheinlichkeiten vorliegen, welche nicht allein allen Wider-,,spruch ausschließen, sondern auch hinlänglichen Grund der Glaub-,,Würdigkeit darbieten! dann würden wir unrecht handeln, wenn wir,,dieser kleinen Raum geben wollten." Es ist an ihm wahr geworden,was er selbst sagt (S. 3-4): ,,Hat der Mensch Vorliebe für eine,,Sache, so nimmt er halbe Beweise für vollgültige an und überläßt,,sich gern dem Glauben, daß das, was er wünscht, wahr sei." Mitder allen Widerspruch ausschließenden Wahrscheinlichkeit verhält essich freilich ganz anders; so viel aber ist gewiß, daß er, als ein ehr-lich er Mann, während seiner zwölfjährigen Amtsführung den Rocknicht ausgestellt hat.
Ganz in derselben Weise spricht sich auch das ,, auf Veran-lassung des Hn. Bischofs von Trier, erschienene Buch*)aus. Sein Verfasser sagt S. 7 wehmüthig von demselben: ,/Völlige,,über allen Zweifel erhabene Zuverlässigkeit auf den Grund geschrie-,,bener Nachrichten aus den allerältesten Zeiten kann leider seine,,Schrift nicht in Anspruch nehmen, da solche nicht mehr zu ermit-,,teln ist: sondern die Schrift tritt freundlich zu dem auf Tradition,,ruhenden Glauben des Volkes hin, ihm darbietend jenes Maaß von,,Licht und Gewißheit über diesen Gegenstand, das ihr bei den obwal-,,tenden Umständen zu erreichen stand, von ihm dagegen die etwa,,noch (!) nöthige Ergänzung zur gläubigen Gewißheit erwartend."Und leider hat er hinsichtlich der ,,nicht mehr zu ermittelnden Zuver-lässigkeit" mehr Recht, als er durch den Zusatz: ,,aus den allerältestenZeiten" glauben lassen möchte. Zu seiner Schrift muß daher wiederdie unsrige freundlich hinzutreten, um ihr, wenn sie es wirklich nichtwissen sollte, zu zeigen, worin denn eigentlich die etwa noch nöthigeErgänzung der gläubigen Ungewißheit bestehe, und ihr das unter ob-waltenden Umständen wirklich erreichbare Maaß von Licht und Gewiß-heit zuzumessen. Sie aber mußten wir vornehmlich berücksichtigen,
') Geschichte des heiligen Rockes in der Domkirche zu Trier. Bearbeitet aufVeranlassung des Hn. Bisch ofs von Trier als Einleitung deröffentlichen Ausstellung dieser heil. Reliquie im Herbste des Jahres 1844.Von I. Marc, Professor am bischöflichen Seminar. Mit Approbationdes Hochwürdigsten Herrn Bischofs. Trier, Link. 1844. 8.SS. lV. 15Z.