Die Befreiung, 231
wvrin der Großpfaffe von Rom die Geister gekerkert, und Nordeuropaatmete wieder frei, entlastet tum dem nächtlichen Alp jener Klerisei,die zwar in der Form von der ägyptischen Standeserblichkeit ab-gewichen war, im Geiste aber dem ägyptischen Priestersysteme um sogetreuer bleiben konnte, da sie sich nicht durch natürliche Fortpflan-zung, sondern unnatürlich, durch mamelnckcnhafte Rekrutierung, alseine Korporation von Hagestolzen noch schroffer darstellte. Ebensosehen wir, wie die Kricgskaste ihre Macht verliert, seit die alte Hand-werksroutiuc nicht mehr von Nutzen ist bei der neuen Kriegswcise;denn von dem Pvsauncntone der Kanonen werden jetzt die stärkstenBurgtürme uiedergeblasen wie weiland die Mauern von Jericho, dereiserne Harnisch des Ritters schützt gegen den bleiernen Regen ebenso-wenig wie der leinene Kittel des Bauers; das Pulver macht dieMenschen gleich, eine bürgerliche Flinte geht ebensogut los wie eineadlige Flinte — das Volk erhebt sich.
Die früheren Bestrebungen, die wir in der Geschichte der lom-bardischen und toskanischen Republiken, der spanischen Kommunen,und der freien Städte in Deutschland und andern Ländern erkennen,verdienen nicht die Ehre, eine Volkserhebung genannt zu werden;es war kein Streben nach Freiheit, sondern nach Freiheiten, keinKampf für Rechte, sondern für Gerechtsame; Korporationen strittenum Privilegien, und es blieb alles in den festen Schranken desGilden- und Zunftwesens, Erst zur Zeit der Reformation wurdeder Kampf von allgemeiner und geistiger Art, und die Freiheitwurde verlangt, nicht als ein hergebrachtes, sondern als ein ur-sprüngliches, nicht als ein erworbenes, sondern als ein angeborenesRecht, Da wurden nicht mehr alte Pergamente, sondern Prinzipienvorgebracht; und der Bauer in Deutschland und der Puritaner inEngland beriefen sich auf das Evangelium, dessen Aussprüche damalsan Vernunft Statt galten, ja noch hoher galten, nämlich als einegeoffenbarte Vernunft Gottes. Da stand deutlich ausgesprochen, daßdie Menschen von gleich edler Geburt sind, daß hochmütiges Besser-dünken verdammt werden muß, daß der Reichtum eine Sünde ist,und daß auch die Armen berufen sind zum Genüsse in dem schonenGarten Gottes, des gemeinsamen Vaters,
Mit der Bibel in der einen Hand und mit dem Schwerte inder andern zogen die Bauern durch das südliche Deutschland, undder üppigen Bürgerschaft im hvchgctürmten Nüremberg ließen siesagen, es solle künftig kein Haus im Reiche stehen bleiben, das an-ders aussehe als ein Bauernhans. So wahr und tief hatten sie dieGleichheit begriffen. Noch hentigestags, in Franken und Schwaben,schauen wir die Spuren dieser Gleichheitslehre, und eine grauenhafte