Druckschrift 
6 (1898) Englische Fragmente Reisebilder : 2
Entstehung
Seite
214
Einzelbild herunterladen
 

214 Reisebilder II.

melodisch, doch sie erheben sich lcmgscmi, bedächtig und, wie man zuglauben versucht, auch sehr mühsam, so daß man nicht weiß, ob diegeistige Macht des Mannes unfähig ist, den Gegenstand zu beherr-schen^ oder ob seine physische Kraft unfähig ist, ihn auszusprechen.Sein erster Satz, oder vielmehr die ersten Glieder seines Satzesdenn man findet bald, daß bei ihm jeder Satz in Form und Gehaltweiter reicht, als die ganze Rede mancher andern Leute kommensehr kalt und unsicher hervor, und überhaupt so entfernt von dereigentlichen Streitfrage, daß man nicht begreifen kann, wie er siedaraus hinbiegen wird. Jeder dieser Sätze freilich ist tief, klar, anund für sich selbst befriedigend, sichtbar mit künstlicher Wahl ans dengewähltesten Materialien dedncicrt und mögen sie kommen, ans welchemFache des Wissens es immerhin sein mag, so erhalten sie doch dessenreinste Essenz. Man fühlt, daß sie alle nach einer bestimmten Rich-tung hingebogen werden, und zwar hingebogen mit einer starkenKraft; aber diese Kraft ist noch immer unsichtbar wie der Wind, und,wie von diesem, weiß man nicht, woher sie kommt und wohin sie geht.

Wenn aber eine hinreichende Anzahl von diesen Anfangssätzcnvorausgeschickt ist, wenn jeder Hilfssap, den menschliche Wissenschaftzur Feststellung einer Schlnßfolge bieten kann, in Dienst genommenworden, wenn jeder Einspruch durch einen einzigen Stoß erfolgreichvorgeschoben ist, wenn das ganze Heer politischer und moralischer Wahr-heiten in Schlachtordnung steht dann bewegt es sich vorwärts zur Ent-scheidung, fest zusammengeschlossen wie eine makedonische Phalanx, undunwiderstehlich wie Hochländer, die mit gefälltem Bajonette eindringen.

Ist ein Hauptsatz gewonnen mit dieser scheinbaren Schwächeund Unsicherheit, wohinter sich aber eine wirkliche Kraft und Festig-keit verborgen hielt, dann erhebt sich der Redner sowohl körperlichals geistig, und mit kühnerem und kürzerem Angriff erficht er einenzweiten Hauptsatz. Nach dem zweiten erkämpft er einen dritten, nachdem dritten einen vierten, und so weiter, bis alle Prinzipien unddie ganze Philosophie der Streitfrage gleichsam erobert sind, bis jederim Hanse, der Ohren zum Hören und ein Herz zum Fühlen hat,von den Wahrheiten, die er eben vernommen, so unwiderstehlich wievon seiner eigenen Existenz überzeugt ist, so daß Brongham, wollteer hier stehen bleiben, schon unbedingt als der größte Logiker derSt. Stephnnskapelle gelten könnte. Die geistigen Hilfsquellen desMannes sind wirklich bewunderungswürdig, und er erinnert fast audas altnordische Märchen, wo einer immer die ersten Meister in jedemFache des Wissens getötet hat, und dadurch der Alleincrbe ihrersämtlichen Geistessähigkeiteu geworden ist. Der Gegenstand mag seinwie er will, erhaben oder gemeinplätzig, abstruse oder praktisch, sokennt ihn dennoch Heinrich Brongham, und er kennt ihn ganz ansdem Grunde. Andere mögen mit ihm wetteifern, ja einer oder der